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Nicht mit der Brechstange

Taugt Luther als Feiertagspatron? Nicht mit der Brechstange

Ein scharfer Einspruch gegen den Reformationstag als neuem gesetzlichen Feiertag kommt jetzt von jüdischer Seite. Ob die Politik darauf eingeht, ist offen. Sie sollte es aber tun, meint unser Autor

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Quelle: dpa

Hannover. Michael Fürst wählte starke Worte. „Untragbar“ sei der Vorschlag, ausgerechnet den Reformationstag zum neuen gesetzlichen Feiertag machen zu wollen. Eine „nicht hinnehmbare Desavouierung der jüdischen Glaubensgemeinschaft“, eine Bloßstellung. Fürst ist Landesverbandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Ein alteingesessener Hannoveraner, der sonst eigentlich nicht zu den Alarmisten zählt. Aber beim Thema Martin Luther schlägt bei Fürst der Puls heftiger. Kein Wunder, vom keineswegs altersmilden Reformator Luther stammen böse Sätze über die Juden. Hasspredigten würde man sie heute nennen. Dabei hatte der junge Luther noch ganz anders geredet. Doch das ist Geschichte.

Fürsts Einspruch ist Gegenwart. Er wird laut in einer Zeit, in der in Niedersachsen noch fast gar nichts entschieden ist. Klar ist nur, dass die beiden großen Parteien einen zusätzlichen Feiertag einführen wollen, damit der arbeitswillige, puritanische Norden endlich mit dem feierwütigen (aber umso produktiveren) Süden gleichzieht. Oder sich wenigstens auf den Weg zu mehr Gerechtigkeit macht. Denn in Bayern gibt es sogar 13 Feiertage, während Niedersachsen nur neun hat. Hier einen kleinen Ausgleich herzustellen, haben sowohl SPD-Landeschef Stephan Weil als auch sein neuer Koalitionspartner, CDU-Landeschef Bernd Althusmann, ihren Wählern versprochen. Beide schauen dabei wohlgefällig auf die Kirchen wie auch auf die Gewerkschaften, die hier ein gemeinsames Interesse verfolgen. Weil und Althusmann, angeturnt durch das große Reformationsjubiläum, haben in Interviews für den Reformationstag plädiert. Mehr aber auch nicht. Noch ist nichts entschieden.

Niedersachsen ist nicht das einzige norddeutsche Bundesland, das in Zeiten guter Konjunktur eine große Feierlaune verspürt. Auch in Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein haben sich die Freunde des Feiertages durchgesetzt, allerdings sind alle möglichen Termine im Gespräch. Bremen favorisiert den Reformationstag. So ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich alle vier Bundesländer auf einen gemeinsamen Feiertag einigen werden, obwohl dies nicht nur aus ökonomischen Gründen ratsam wäre. Ökonomisch, aber das nur am Rande, ist ein solcher Tag gewiss nicht. Aber gut für gestresste Familien. So wird trotz des absehbaren Protestes der Arbeitgeberverbände Niedersachsen seinen neuen Feiertag bekommen. Ob in Gottes Namen, bleibt fraglich.

Man sollte indes die Bedenken ernst nehmen, die auch von katholischer Seite kommen. Einen Feiertag führt man nicht mit der Brechstange ein. Warum also nicht den Buß-und Bettag nehmen, den die Kirchen in den 90er-Jahren zugunsten der Pflegeversicherung opferten? Ein wenig Buße täte allen gut.

Von Michael B. Berger

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