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Wer hat Verdi gefragt?

Kommentar zum Mindestlohn-Streit Wer hat Verdi gefragt?

Ach, der Herr Bsirske. Wieder einmal meldet sich der Verdi-Chef zielsicher dort zu Wort, wo er Aufmerksamkeit ernten kann ohne etwas verantworten zu müssen: beim Mindestlohn. Doch der Zwischenruf von der Zuschauertribüne dürfte eher den Sinn haben, von anderen Themen abzulenken.  Eine Analyse von HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Bsirskes Organisation ist weder für die Höhe des Mindestlohns zuständig noch ist sie in der Kommission vertreten, die den Lohn in einem Vorschlag an die Bundesregierung jeweils festlegt. Die übrigen Gewerkschaften werden wissen, warum sie die Verdi-Mannschaft hier lieber nicht dabei haben wollten.

Der Zwischenruf von der Zuschauertribüne dürfte eher den Sinn haben, von anderen Themen abzulenken. Der Mindestlohn taugt nicht mehr für die Klassenkampf-Pose. Er ist Gesetz. Er hat einigen Unternehmern nur ein Lächeln abgenötigt – in ihren Branchen würde für 8,50 Euro ohnehin niemand arbeiten. Und er hat andere Firmen durch Zusatzkosten in Millionenhöhe in gewaltige Probleme gestürzt. Nicht, weil sie ihre Mitarbeiter nicht fair bezahlen wollten, sondern weil Aufwand und Bürokratie in keinem vernünftigen Verhältnis zum angeblichen Effekt im Geldbeutel der Mitarbeiter standen. Nicht alle Firmen haben das schadlos überstanden. Der theoretischen Einsicht, dass jeder von seiner Hände Arbeit leben können müsse, folgt eben nicht bei allen Kunden die Bereitschaft, nun mehr für Produkte oder Dienstleistungen zu bezahlen.

Auch angesichts dieser Doppelgesichtigkeit der Regelung ist es nicht selbstverständlich, dass der Mindestlohn jetzt schon steigen soll. Das Gesetz enthält hier eine „Kann-Vorschrift“, verweist allerdings auf die Tarifsituation. In jedem Fall ist es klug, hier die Experten arbeiten zu lassen. Die Gewerkschaften könnten sich derweil einmal um jene Arbeiter kümmern, denen es – etwa in der Fleischindustrie oder auf dem Bau – so richtig dreckig geht. Und die vom Mindestlohn im Zweifel nicht einmal etwas wissen.

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