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Wie weit ist die Versöhnung?

Kommentar Wie weit ist die Versöhnung?

Katholiken und Protestanten feiern Versöhnung - doch ein gemeinsames Abendmahl ist nicht möglich. Schließlich können 55 Minuten Fernsehgottesdienst nicht eine 500-jährige Geschichte vergessen machen. Dennoch geht es schon gut voran. Ein Kommentar von Michael B. Berger.

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Geht es voran bei der Versöhnung von Katholiken und Protestanten?

Quelle: dpa

Hildesheim. Heilt die Zeit doch alle Wunden? In der niedersächsischen Provinz, in Hildesheim, ist nun ein Zeichen gesetzt worden, das sogar in die große katholische Weltkirche abstrahlen soll: Die obersten Protestanten und Katholiken Deutschlands feierten in einem anheimelnd stimmigen Fernsehgottesdienst ein Versöhnungsfest, das einen vorläufigen Schlussstrich unter eine 500-jährige Geschichte des Streits, der Trennungen, der gegenseitigen Beschimpfungen und Verurteilungen setzen sollte. Zweifellos eine ehrenwerte Absicht. Aber wird sie Folgen haben?

Nun können 55 Minuten Fernsehgottesdienst nicht eine 500-jährige Geschichte vergessen machen, in der es aufgrund der Trennung zwischen Katholiken und Protestanten zu etlichen bewaffneten Auseinandersetzungen in Mitteleuropa kam, ja sogar zu einem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert, der Millionen Opfer hatte und von dem sich Mitteleuropa nur sehr schwer erholte. Martin Luther, dessen Reformation in diesem Jahr gefeiert wird, hat diese Auseinandersetzungen nicht gewollt, aber zumindest den Keim zur Revolte transportiert, weshalb er in der römisch-katholischen Kirche noch immer unter dem Bann steht. Aber die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) war klug beraten, die diesjährigen Reformationsevents nicht wie frühere Feiern in den Dienst der (trotzigen) Selbstvergewisserung oder gar nationalen Selbstbehauptung zu stellen, wie es noch im 19. Jahrhundert geschah. Sie hat den Blick weit geöffnet - und die Ökumene in den Fokus gestellt.

Mancher spottet darüber, dass der Großen Koalition in der Politik nun eine Große Koalition der beiden maßgeblichen Kirchen folgt. Ganz richtig ist das nicht. Denn Bemühungen, die spaltende Kraft der Reformation zu überwinden, die zu Luthers Zeiten zweifellos ihr Recht hatte, gab es schon Mitte der Neunzigerjahre, als Katholiken und Protestanten die gegenseitigen Lehrverurteilungen zurücknahmen.

Doch das Gerede von der Großen Koalition der Kirchen stimmt schon deshalb nicht, weil diese gewaltig geschrumpft sind. Waren Ende des Zweiten Weltkrieges noch über 90 Prozent Christen, sind es heute noch etwa 60 Prozent. Mitgliederschwund und Traditionsabbruch sind so gewaltig, dass christliche Familien Mühe haben, Paten zu finden, sowie beide ehemals großen Kirchen theologischen Nachwuchs. Und so wächst auch angesichts zunehmender Verweltlichung die Ökumene. Dabei wird es aber wohl nicht so weit kommen, dass sich Katholiken und Protestanten bald gemeinsam an einen Abendmahlstisch setzen. Da müssten sich die Katholiken noch einen größeren Ruck geben. Denn auch der freundliche Papst Franziskus rüttelt wenig an den römisch-katholischen Grundsätzen. Doch es geht derzeit auch ohne Abendmahl schon gut voran. Nicht nur in Hildesheim.

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