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Verlockende Modelle

Kommentar Verlockende Modelle

Familienministerin Manuela Schwesig will eine Familienarbeitszeit samt Monatspauschale, damit Eltern ihre wöchentliche Arbeitszeit reduzieren. Das Modell klingt verlockend. Aber es hat den Makel, zu kurz vor der Bundestagswahl 2017 präsentiert zu werden. Ein Kommentar von Dieter Wonka.

Zu den bisherigen 156 Familienleistungen im deutschen Sozial- und Steuerrecht möchte die SPD-Familienministerin Manuela Schwesig eine weitere hinzufügen: die neue Familienarbeitszeit samt Monatspauschale. Es ist nicht schwierig, darin ein Wahlkampfmanöver zu entdecken. Das versprochene Familiengeld, das jährlich eine Milliarde Euro kosten würde, ist im Haushalt gar nicht vorgesehen, und für die wöchentliche Arbeitszeitbegrenzung auf 28 bis 36 Stunden fehlt zumindest ein vertraglich zugesichertes Rückkehrrecht auf Vollzeit. Trotzdem ist die Schwesig-Idee mehr wert, als es die spontane Ablehnung durch den Koalitionspartner nahelegt.

Der Vorschlag zeigt, dass sich die Politik durchaus der Wirklichkeit annähern will. Junge Väter wollen weniger, junge Mütter mehr arbeiten. Also muss die bisher ungleiche Verteilung der Erwerbsarbeitszeit korrigiert werden. Kluge Arbeitgeber betrachten familienfreundliche Arbeitszeitregelungen mittlerweile als Wohlfühlfaktor in Zeiten des Fachkräftemangels. Familienzeit ist schon lange nicht mehr das Papa-Placebo, das sich auf einmal Windelwechseln beschränkt. Der Ausbau der Kinderbetreuung, die Entideologisierung der Ganztagsschule und der Einstieg in das „Wickelvolontariat“ waren wichtige Lernschritte. Geblieben ist die Unwucht vor allem im Rentensystem. Und das liegt zum Teil an der oft noch unvermeidlichen Teilzeitarbeit eines Elternteils.

Schwesigs Modelle klingen verlockend. Sie setzen allerdings die flexible Reaktion der Unternehmer auf die Bedürfnisse junger Familien voraus. Wo das nicht möglich ist, muss der Staat entlastend eingreifen. Überzeugend wäre, wenn sich eine Bundesregierung ein solches Modell zu Beginn ihrer Arbeit vornähme. Dann würde sie sich auch nicht dem Verdacht aussetzen, zum Ende hin nur Wahlkampf zu machen.

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