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Kein Grund zur Hysterie bei VW

Kommentar zur Abgas-Affäre Kein Grund zur Hysterie bei VW

Wenn sich die Führungskräfte des Volkswagen-Konzerns am Donnerstag in Leipzig treffen, dürfte sie ein anderes Programm erwarten als noch vor gut einem Jahr im benachbarten Dresden. Und doch gibt es keinen Grund, in Hysterie zu verfallen.  Eine Analyse von Lars Ruzic.

Wenn sich die Führungskräfte des Volkswagen-Konzerns am Donnerstag in Leipzig treffen, dürfte sie ein anderes Programm erwarten als noch vor gut einem Jahr im benachbarten Dresden. Zwar schwor damals VW-Chef Martin Winterkorn die „Oberen 2000“ des Konzerns auf Sparen und Effizienzsteigerungen ein. Der Party-Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Ex-„Spice-Girl“ Mel C sorgte für Auflockerung, Andreas Bourani für die zum Anlass passende Hymne: „Ein Hoch auf uns“.

Die Zeiten des sich Feierns sind bei Deutschlands größtem Unternehmen erst einmal vorbei. Der Abgas-Skandal hat den Tanker, den viele lange für unsinkbar hielten, in gefährliche Schieflage gebracht. Weltweit laufen sich die Kanzleien für Sammelklagen warm, drohen drakonische Strafen von Behörden und Staaten, könnten Steuern und Subventionen eingefordert werden. Und ganz nebenbei muss VW den Rückruf von nicht weniger als elf Millionen Autos mit unzähligen Motorvarianten organisieren. Die Auguren überbieten sich mit Schätzungen, was die Abgas-Manipulationen den Autobauer am Ende kosten könnten: 30, 40, 50 Milliarden Euro?

Der neue Konzernchef Matthias Müller hat schon angekündigt, dass man die Affäre „nicht ohne Schmerzen“ überstehen werde. Was die Sache besonders schwierig macht: Es ist nicht mit einer Not-OP getan. Der Patient wird über Jahre angeschlagen sein – bestenfalls nur durch Rechtsstreitereien, schlimmstenfalls bei Image und Absatz. Letzteres träfe die deutschen Standorte besonders hart. Verkaufsrückgänge in Europa kann in Wolfsburg, Hannover und anderswo niemand brauchen. Die Fabriken müssen hoch ausgelastet sein, wenn sie sich rechnen und allen Beschäftigten Arbeit bieten sollen. Andernfalls droht schnell Personalüberhang. Nicht ohne Grund will Berlin bereits mit einer Kurzarbeit-Regelung für Zeitarbeiter vorbeugen.

Und doch gibt es keinen Grund, in Hysterie zu verfallen. Sollte der Skandal tatsächlich auf der kriminellen Energie einer vergleichsweise kleinen Gruppe basieren, dann werden die Schmerzen nicht von Dauer sein. Dazu muss der Konzern die Aufklärung allerdings schonungslos vorantreiben und den Kunden das Gefühl geben, dass VW aus Fehlern lernt. Ein einfacher Rückruf wird da nicht ausreichen – VW muss schon ein „Bonbon“ bieten wie einst Daimler nach dem „Elchtest“-Desaster. Parallel muss Matthias Müller den Kulturwandel zu mehr Offenheit und weniger „Hoch auf uns“ vorantreiben. Dieser Tag ist der richtige Tag, damit anzufangen.

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