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Keine Angst
 vor der Wahrheit

Leitartikel Keine Angst
 vor der Wahrheit

Die sogenannte Dunkelfeldstudie in Niedersachsen über Straftaten wie Raub oder Wohnungseinbrüche, die die Opfer verunsichern und verstören, zeigen das bröckelnde Vertrauen der Studienteilnehmer in die Arbeit der Polizei. Gerade nach den Silvesterübergriffen von Köln hilft nur Klarheit. Ein Kommentar von Heiko Randermann.

Die Zahl macht stutzig. Weil man sie eher in den Favelas von São Paulo oder den Townships Südafrikas verortet: Ein Drittel aller Menschen in Niedersachsen werden Opfer einer Straftat. Gleichzeitig geben die Befragten an, sich zwischen Ems und Elbe wohl und sicher zu fühlen. Zwei Erkenntnisse aus der sogenannten Dunkelfeldstudie des Landes, die man zusammenbringen muss.

Und das ist möglich – denn die allermeisten Delikte sind keine großen Verbrechen: ein gestohlenes Fahrrad, die von Sprayern beschmierte Hauswand oder der Trojaner auf der Festplatte, um nur einige Beispiele zu nennen. Allesamt äußerst ärgerlich, aber nichts, was den Menschen in seinem Innersten erschüttert. Gewissermaßen das ertragbare Lebensrisiko, gegen das wir uns mit Schlössern, Virensoftware und anderen Hilfsmitteln wappnen.

Daneben gibt es eine Deliktgruppe, die in der Studie die zahlenmäßig geringere ist, für die das Wort Dunkelfeld aber leider sehr gut passt: Gewalttaten wie Raub, Körperverletzung und sexuelle Übergriffe, aber auch Wohnungseinbrüche. Straftaten, deren Auswirkungen nicht in Schadenssummen zu erfassen sind, sondern die das Opfer tief verunsichern und für lange Zeit emotional belasten können. Dass nicht einmal jede zehnte Tat in diesem Bereich angezeigt wird, ist ein Ergebnis, das nun wirklich verstörend wirkt.

Für Landesinnenminister Boris Pistorius dürfte ein weiterer Punkt Anlass zur Sorge geben: Das leise bröckelnde Vertrauen der Studienteilnehmer in die Arbeit der Polizei und das Funktionieren des Rechtsstaats. Denn diese Befragung wurde im März 2015 durchgeführt – Monate bevor mit den Flüchtlingszahlen auch das besorgte Grummeln in den Bürgerversammlungen wuchs. Nachdem der Silvestermob von Köln das willkommensselige 2015 mit einem hässlichen Knall beendet hat, herrscht eine neue Stimmung: An vielen Orten drohen sich jetzt Bürgerwehren zu bilden – ein deutliches und Besorgnis erregendes Misstrauensvotum gegen Polizei und Rechtsstaat. Man darf wohl vermuten, dass die Dunkelfeldstudie samt ihren Angaben zur gefühlten Sicherheit in Niedersachsen heute nicht mehr so gut ausfallen würde.

Die offizielle Kriminalitätsstatistik zeigt die Zahl der Anzeigen und Ermittlungen – die Dunkelfeldstudie aber die gefühlte Sicherheitslage. Auch wenn die offizielle Statistik sich nicht ändert, kann die gefühlte Lage sich verschlimmern, das erleben wir zurzeit. Das mag man irrational nennen, es ist nicht zu ignorieren. Das Mittel, das die gefühlte und gefestigte Lage in Einklang bringt, kann nur Transparenz heißen: ein möglichst detailliertes und präzises Bild aller Straftaten – kleiner wie großer, von Flüchtlingen, gegen Flüchtlinge, von und an Deutschen. Nur Klarheit kann wilde Vermutungen eindämmen – und das Vertrauen in den Rechtsstaat stärken.

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