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Zins-Krimi mit offenem Ende

Entscheidung der Fed Zins-Krimi mit offenem Ende

Politiker und Wirtschaftsexperten schauen gebannt auf die USA: Am Donnerstag entscheidet die Notenbank, ob die Zinsen erhöht werden oder nicht. Für beide Entscheidungen gibt es gute Gründe. In jedem Fall hat die Geldpolitik in der Finanzkrise eine Bedeutung erhalten, der sie nicht gerecht werden kann. Ein Leitartikel von Stefan Winter.

Es geht um zwei Stellen hinter dem Komma und bedächtige Worte einer weißhaarigen Frau. Doch für die Finanzwelt läuft ein Krimi, wenn die Notenbankchefin Janet Yellen Donnerstagabend die US-Zinspolitik erklärt. Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers vor sieben Jahren kennt Geldpolitik nur eine Prämisse: Hahn auf, Geld raus – kein Aufschwung soll an der Finanzierung scheitern, kein Investor verschreckt werden, keine Zinserhöhung die Schulden verteuern. Doch in den USA ist der Aufschwung da, es wäre Zeit, die Zügel anzuziehen. Und so bewegt die Finanzmärkte nur eine Frage: Erhöht die Fed nun den US-Leitzins von null auf 0,25 Prozent? Und wenn nicht: wann dann?

Das ist mehr als eine akademische Frage. Zum einen hat die Geldflut der Notenbanken ein beispielloses Ausmaß angenommen – in so rasanter Fahrt abzubremsen, hat noch niemand versucht. Zum anderen bleibt den USA nur der Alleingang, denn von Europa über die Schwellenländer bis Japan ist die Konjunktur weltweit zu schwach, um dort ebenfalls die Zinsen zu erhöhen. So locken höhere US-Zinsen dort noch mehr Kapital an. Fehlen würde es den Schwellenländern, aber vielleicht auch Europa, wo zum Beispiel Staatsanleihen schwerer zu verkaufen wären.

Andererseits ist die ultralockere Geldpolitik längst selbst ein Problem, eine schrittweise Abkehr wäre nur zu begrüßen.

So wendet die Fachwelt seit Monaten die Argumente und kämpft ihre Ideologien aus. Von entspannter Erwartung bis zu Weltuntergangsszenarien ist jede Expertenmeinung im Angebot. Entsprechend vorsichtig wird an den Märkten seit Wochen agiert. Das ist ein Vorteil, denn gefährlich ist nur die Überraschung. Janet Yellen wird sich hüten, heute eine zu liefern. Es mag jetzt eine kleine Zinserhöhung geben, vielleicht auch erst in ein paar Monaten, sie wird erklärende Worte finden – und der Weltuntergang bis auf Weiteres ausbleiben. In der Geldpolitik gilt das Stachelschwein-Prinzip: ganz, ganz vorsichtig.

Doch es sagt viel über den Zustand nicht nur der Finanzwelt, dass eine Fed-Sitzung als historisch verstanden wird. Der Geldpolitik ist in der Finanzkrise eine Bedeutung zugewachsen, der sie nicht gerecht werden kann. Und Notenbankchefs tragen eine Verantwortung für die Weltlage, in die sie niemand gewählt hat. Ginge es nach ihrer eigentlichen Funktion, würden die USA die Zinsen wohl zügig erhöhen. Vielleicht würde es rumpeln im Rest der Welt. Aber es wäre ein Schritt zur Normalität.

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