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Den Bauern wird es wenig helfen

Kommentar zur Milchkrise Den Bauern wird es wenig helfen

Ein Gipfeltreffen, eine runde Millionensumme und das Etikett „Soforthilfe“ – da hat sich der Landwirtschaftsminister sehr bemüht, Tatkraft zu inszenieren. Viel mehr als Inszenierung ist es aber auch nicht, was Christian Schmidt am Dienstag zur Lösung der Milchkrise beizutragen hatte.  Eine Analyse von Stefan Winter.

Die Eckpunkte standen vorher fest, einige kritische Geister waren zum „Gipfel“ nicht geladen, und die Details waren auch danach noch offen.

Die Überlebenschancen vieler deutscher Milchbauern sind am Dienstag nicht nennenswert gestiegen. Die Milchpreise sind wegen eines weltweiten Überangebots im Keller. Der Preissturz trifft Betriebe, die bis vor zwei Jahren auf Expansion setzten – und sich dafür verschuldeten. Jetzt sollen staatliche Bürgschaften diese Fehlinvestitionen über die Runden bringen. Ob die ebenfalls angestrebten Steuererleichterungen Gutes bewirken, wird sehr von ihrer Ausgestaltung abhängen. Wie auch immer: Wer 100  Millionen Euro auf 70 000 Milchbetriebe verteilt, kommt auf jeweils 1400 Euro. Das allein zeigt die Grenzen solcher Hilfsaktionen. „Ein ,Weiter so’ kann es nicht geben“, sagt Schmidt – und macht weiter so. Eine halb gefüllte Gießkanne soll die Not lindern.

Einig sind sich die Krisenmanager aus Politik, Verbänden, Industrie und Handel nur darin, dass ein Bauer von 20 Cent pro Kilogramm Milch nicht leben kann. Also soll der Preis steigen, so leicht können es sich auch noch alle machen. Aber wie kann das gehen? Preiszugeständnisse der Supermarktketten sind höchstens als kurzlebige PR-Aktion zu erwarten. Die Molkereien, als Genossenschaften oft im Besitz der Bauern, haben auch kaum Spielraum. Die angelieferte Menge müsste also schrumpfen – was Bauernpleiten bedeutet, die Schmidt mit seinem Hilfspaket gerade verhindern will. Oder man bezahlt die Bauern – wie es Landesminister fordern – für Produktionskürzungen. Dann droht allerdings der Dauerzustand: Bei guten Milchpreisen werden die Ställe vollgestellt, in der nächsten Krise finanziert der Staat die in jedem Zyklus wachsende Überkapazität. Nichts anderes haben wir gerade hinter uns. Noch 2014 wuchs die Zahl der Milchkühe in deutschen Ställen auf den höchsten Stand seit 2003 – „mit Blick auf das Ende der Milchquote und die relativ hohen Preise“, wie der Bauernverband damals vermeldete. Nicht zuletzt der Verband trieb die Bauern mit seinen rosigen Weltmarktprognosen in eine Expansion, die jetzt manchem den Untergang bringt.

Die Lage ist also vertrackt. Mit dem Ende der Milchquote vor einem Jahr hat mehr Markt Einzug gehalten. Jeder Landwirt und jede Molkerei steht seitdem vor der Entscheidung, ob die Weichen Richtung Expansion oder Nische gestellt werden sollen. Wer sich für Größe entscheidet, muss solide genug finanziert sein, um Phasen wie diese durchzustehen. Wer die Nische bevorzugt, muss mit hohen Kosten nach Biostandards produzieren oder eigene Produkte und Vertriebswege entwickeln. Für alle dazwischen aber wird es schwierig bleiben.     

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