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Die Stadt hat keine Wahl

Unterm Strich Die Stadt hat keine Wahl

Hannover legt eine stolze Bilanz zur Schulsanierung vor, Hunderte Millionen wurden investiert. Trotzdem sind manche Gebäude zum Teil in einem so maroden Zustand, dass man dies unseren Kindern nicht zumuten kann, findet Saskia Döhner.

Hannovers Schulen sind in die Jahre gekommen. Von den 153 Gebäuden, in denen die 104 Schulen, teils mit Außenstellen, untergebracht sind, stammt mehr als die Hälfte aus der Zeit zwischen 1950 und 1979. Das heißt: Spätestens jetzt steht die Grundsanierung an, Decken und Böden bröckeln, die Fenster sind undicht, Wasser- und Elektrikleitungen müssen generalüberholt werden. Zu Recht spricht die Stadt von einem erhöhten Sanierungsbedarf. Sie hat in den vergangenen Jahren Hunderte Millionen Euro in ihre Schulgebäude gesteckt. Und was von Grund auf angepackt wurde, ist richtig gut geworden. Wie die Elsa-Brändström-Schule in der Südstadt, zahlreiche Grundschulen, viele schöne helle Mensen oder der 65-Millionen-Neubau der IGS Mühlenberg. Dort gibt es höchstens Kritik an den „zu engen Lehrertoiletten“.

Andere Gebäude sind derweil allerdings in einem beklagenswerten Zustand. Wie konnte es so weit kommen? Nichts korrodiert über Nacht, ebenso wenig ist ein Gebäudeteil oder eine Aula urplötzlich einsturzgefährdet. Manche Schulleiter und Elternvertreter haben über Jahre auf Missstände hingewiesen und wurden mit denselben Argumenten immer wieder vertröstet: Jetzt müssten wegen des anstehenden Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz leider erst mal Krippen gebaut werden. Oder: Der Sanierungsbedarf sei an vielen Standorten hoch, jetzt seien andere Schulen an der Reihe, aber im nächsten Fünf-Jahres-Programm stehe man ganz oben auf der Warteliste. Das ist frustrierend.

So verständlich die Argumente sind, ärgerlich ist es trotzdem, wenn in einer Schule neben Erstklässlern Deckenplatten herunterfallen wie jüngst in der Südstadtschule. Immerhin, im Ernstfall reagiert die Stadt schnell und schickt Handwerker zum Reparieren. Aber muss es erst so weit kommen? Muss eine nicht mehr genutzte Hausmeisterwohnung – wie an der Humboldtschule – wirklich acht Jahre leer stehen, nur weil sie als Wohnraum genehmigt wurde und nicht als Schulraum? Die Stadt meint ja, eine baurechtliche Umwidmung würde 80 000 Euro kosten, so viel wie die Sanierung von zwei Schultoiletten. Da müsse man Prioritäten setzen. Aber rechtfertigt das acht Jahre Leerstand?

Private Immobilienbesitzer könnten sich dies nicht leisten, zumal auch jeder Haus- und Wohnungsbesitzer weiß, dass Leerstand Vandalismus anzieht. Aber die faulen Eier, die an die Fenster der leer stehenden Hausmeisterwohnung geworfen werden, nimmt man genauso in Kauf wie den tristen Anblick, den man den 1100 Kindern beim Betreten der Schule zumutet. Viele Eltern, die nach 25 Jahren mal wieder die Schule betreten, an der sie Abitur gemacht haben, fühlen sich gleich wieder heimisch. Oft hat sich im Innern kaum etwas verändert.

Bildungsexperten betonen gern, dass die Lernumgebung das Lernen maßgeblich bestimmt. Hannovers Schüler haben wohl durchweg so gute Nerven, dass es sie nicht stört, dass sie an denselben Tischen sitzen wie ganze Schülergenerationen vor ihnen. Vielleicht macht der Lehrer durch guten Unterricht den wenig attraktiven Klassenraum wett. Vielleicht sind die Schüler aber auch nur so gelassen, weil sie keinen besseren Lernort kennen.

Es ist lobenswert, dass die Stadt auch in den nächsten zehn Jahren Hunderte Millionen Euro in den Schulausbau stecken will. Sie hat aber wohl auch keine andere Wahl. Die Sanierung der 40 oder 50 Jahre alten Gebäude ist eben teuer. Neue Finanzierungsmodelle, etwa durch die Kooperation mit Unternehmen der öffentlichen Hand, könnten helfen. Sie werden zu wenig genutzt, weil es zu viele bürokratische Hürden gibt. Im Schulalltag leider keine Seltenheit.

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Ausbau und Instandsetzung

Die Stadt Hannover hat in den vergangenen neun Jahren rund 375  Millionen Euro in den Ausbau und die Instandsetzung ihrer Schulen investiert. Bis 2019 sollen noch einmal 226 Millionen Euro dafür ausgegeben werden.

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