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Wo bleibt die Kindheit?

Kommentar zur Schule Wo bleibt die Kindheit?

Es ist paradox: Viele Eltern machen die Schulzeit zum Eintritt in die Leistungsgesellschaft – und versuchen zugleich, ihre Kinder vor deren rauen Seiten zu behüten. Leistungsdruck und In-Watte-Packen haben dieselbe Wurzel – und lassen sich auf dieselbe Weise aus der Welt schaffen: indem Eltern ihren Kindern etwas zutrauen.

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Quelle: Symbolbild

Jetzt zum Schulstart zeigt es sich besonders deutlich: Die Welt, in der Jungen und Mädchen heute aufwachsen, unterscheidet sich fundamental von der Welt, die ihre Eltern einst als Kinder kannten. Wir neigen heute dazu, Kindheit zu überhöhen, zu idyllisieren – und schaffen sie gleichzeitig ab. Eine Einschulung ist für viele Mütter und Väter heute eine emotional aufgeladene Lebensabschnittsfeier. Noch vor ein, zwei Generationen war es nicht mal selbstverständlich, dass der Vater sich zur Einschulung freinahm.

Der Kommunikationswissenschaftler Neil Postman sprach vor Jahrzehnten vom „Verschwinden der Kindheit“. In Deutschland ist diesem ein Verschwinden der Kinder vorausgegangen. Die Zahl der Jungen und Mädchen ist hierzulande über Jahrzehnte gesunken: Wurden 1992 noch 891 000 Kinder eingeschult, waren es 2014 nur noch 711 023. Doch je weniger Kinder es gibt, umso stärker stehen sie im Fokus. Es ist eben ein Unterschied, ob eine Oma sich um vier Enkel kümmert oder ob vier Großelternteile sich um einen Enkel kümmern. Vor allem die Eltern schenken ihren Kindern heute viel mehr Aufmerksamkeit als früher. Und genau darin sehen Pädagogen ein Problem. Fast jeder Lehrer kann Geschichten von Vätern erzählen, die sich bei schlechten Noten telefonisch beschweren. Oder von Müttern, die ihre Kinder täglich mit dem Auto bis vors Schultor bringen. Sie melden ihre Sprösslinge zwar zum Früh-Englisch an, trauen diesen aber zugleich nicht mehr zu, den Schulweg alleine zu bewältigen. Der Radius, in dem Kinder sich selbstständig bewegen, ist über die Jahre immer kleiner geworden.

Es ist paradox: Viele Eltern machen die Schulzeit zum Eintritt in die Leistungsgesellschaft – und versuchen zugleich, ihre Kinder vor deren rauen Seiten zu behüten. Schon Grundschüler haben heute prall gefüllte Terminkalender, um sie mit Nachhilfe und Sport für den Leistungskampf des Lebens zu stählen. Auf der Strecke bleibt dabei dann jenes Stück Freiheit, das einer Kindheit erst ihre Unbeschwertheit gibt. Eltern nehmen ihren Kindern die Möglichkeit, durch eigene Erfahrungen selbstständig zu werden.

Vielleicht sollten Eltern sich ab und an daran erinnern, dass sie selbst einst nach überstandenen Windpocken noch zwei Tage daheim bleiben durften. Einfach zur Erholung. Ohne dass jemand ängstlich gefragt hätte, ob sie den verpassten Stoff je aufholen würden. Und vielleicht sollten sich Eltern daran erinnern, dass sie selbst sich einst die Hosen auf dem Bolzplatz zerrissen, ohne dass Erwachsene dabei am Rand standen. Leistungsdruck und In-Watte-Packen haben dieselbe Wurzel – und lassen sich auf dieselbe Weise aus der Welt schaffen: indem Eltern ihren Kindern etwas zutrauen.

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