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Verdi fordert viel – und erreicht wenig

Kommentar zur Streikwelle Verdi fordert viel – und erreicht wenig

Aus gewerkschaftlicher Sicht gehörte die erste Hälfte des Jahres zweifelsohne Verdi: erst streikten die Landesbediensteten, dann die Erzieher, nun die Post. Nur: Am Ende ist nicht viel dabei herausgekommen. Eine eindrucksvolle Demonstration gewerkschaftlicher Machtlosigkeit. Eine Analyse von Lars Ruzic

Während die Kollegen in der Metall- und der chemischen Industrie geschmeidig zu Abschlüssen kamen, musste die Dienstleistungsgewerkschaft einen Großkonflikt nach dem anderen durchfechten: erst die Landesbediensteten, dann die Erzieher und Sozialarbeiter, nun die Post. In Summe dürfte die Mannschaft um Frank Bsirske Hunderttausende auf die Straßen gebracht haben. Eine eindrucksvolle Demonstration gewerkschaftlicher Macht.

Nur: Am Ende ist nicht viel dabei herausgekommen. Das Lohnplus im öffentlichen Dienst blieb hinter den Abschlüssen in der Industrie zurück – mal wieder. Eine Angleichung der Entgelte von angestellten zu beamteten Lehrern hat nicht stattgefunden. Die Forderung nach einer Aufwertung der Sozial- und Erzieherberufe ist in der Schlichtung geradezu atomisiert worden. Und bei der Post hat Verdi das Hauptziel eines immerhin vierwöchigen Streiks – die Verhinderung eines konzerneigenen Niedriglohnsektors – am Ende schlicht aufgegeben. Eine eindrucksvolle Demonstration gewerkschaftlicher Machtlosigkeit.

Die Reihe lässt sich fortführen. Seit zwei Jahren liegt Verdi mit dem Versandhändler Amazon im Clinch, fordert eine Bezahlung nach Einzelhandelstarifvertrag. Der US-Konzern hat das bis heute erfolgreich ignoriert – dessen Kunden übrigens auch. Die Auseinandersetzung mit dem US-Versandhändler droht für Verdi zum größten anzunehmenden Unfall zu werden. Denn bei Amazon hat sich die Gewerkschaft weit aus dem Fenster gelehnt – Bsirske allen voran. 

Im September will sich der Verdi-Boss auf dem Bundeskongress in Leipzig zum fünften Mal zum Gewerkschaftschef wählen lassen. Alternativen gibt es noch  nicht. Doch hat das gern gepflegte Macher-Image des früheren hannoverschen Personaldezernenten gelitten. Bsirske hat zuletzt allzu oft mit großer Pose hohe Erwartungen unter seinen Mitgliedern geweckt, die er am Ende nicht erfüllen konnte. Besonders augenfällig wird das bei der Schlichtung der Erzieher – wo das Ergebnis so mickrig war, dass Verdi dazu derzeit lieber noch einmal die Mitglieder befragt, bevor man sich eine Entscheidung über Annahme oder Ablehnung zutraut.

Die Zeit wird knapp für den starken Mann an der Verdi-Spitze. Wenn sich bis September auch bei Amazon und den Erziehern nichts bewegen sollte, werden sie ihn auf dem Kongress wohl nur grummelnd wiederwählen – wenn überhaupt.

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