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Vertrauen statt Kontrolle

Kommentar Vertrauen statt Kontrolle

Nach großen Tragödien mit psychopathologischer Komponente wird die ärztliche Schweigepflicht immer wieder infrage gestellt. Auch Innenminister Thomas de Maizière will mehr Hinweise aus den Therapiezimmern an die Staatsanwaltschaften - ein riskanter Weg. Ein Kommentar von Thorsten Fuchs.

Wer von seinen tiefsten Ängsten erzählen soll, von seiner Verzweiflung, vielleicht auch von seinem Hass, der braucht Vertrauen. Er muss sicher sein, dass ihm der, der ihm zuhört, helfen will. Wer das Gefühl hat, bei der Außenstelle der Staatsanwaltschaft auf der Couch zu liegen, der wird im Zweifel lieber nichts sagen. Das ist die Gefahr.

Die ärztliche Schweigepflicht wird nach großen Tragödien und Bedrohungen mit psychopathologischer Komponente immer wieder infrage gestellt. Das war nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs im vergangenen Jahr so, das ist jetzt, nach den Anschlägen von Würzburg, München und Ansbach, wieder so. Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist vorsichtiger als die Hardliner in seiner eigenen Partei, die die Schweigepflicht gern großflächig durchlöchern würden. Aber auch er will mehr Hinweise aus dem Therapiezimmer. Das ist ein riskanter Weg.

Natürlich muss es für Sicherheitsexperten eine verlockende Vorstellung sein, sich bei Verdacht ins psychologische Behandlungszimmer zuschalten zu können. Die Wahrheit ist jedoch, dass sie sich beim Zuhören die meiste Zeit grausam langweilen würden. Es ist eine extreme Ausnahme, dass Gewalttäter im Behandlungszimmer ihre Gewaltfan­tasien formulieren. Auch wer ernsthaft einen erweiterten Suizid erwägt, geht in der Regel so berechnend vor, dass er seine Pläne lieber für sich behält.

Wenn die Überwacher dann aber dranblieben, würden sie erleben, dass Ärzte so etwas schon heute nicht reglos zur Kenntnis nehmen. Sondern dass sie bewerten, ob ihr Patient für andere (selten) oder für sich (häufig) eine reale Gefahr bedeutet – und dann handeln. Das ist stets eine schwierige Abwägung. Der Satz „Ich hasse alle Menschen“ kann Ausdruck extremer Kränkung, aber auch Hinweis auf eine Gewalttat sein. Es wird bei dieser Abwägung immer wieder Fehler geben. Ärzte können irren. Aber sie sind schon heute rechtlich verpflichtet, Hinweise auf eine Straftat weiterzugeben – und das tun sie auch.

Wer das ignoriert, weckt den Verdacht, dass er eher auf mögliche AfD-Wähler als auf die Sicherheit in Deutschland schaut. Ein ähnlicher Fall ist das Burka-Verbot: Es wäre im Sinne der Freiheit sicher schön, wenn sich keine Frau in Deutschland voll verschleiern würde. Anschläge wird dies aber kaum verhindern.

In de Maizières Katalog finden sich viele vernünftige, maßvolle Vorschläge. Die Stärkung der Polizei gehört dazu, ebenso wie eine engere Betreuung der Flüchtlinge. Wenn aber labile, zu Gewalt neigende Personen Angst haben müssten, dass die Gesprächsprotokolle sofort an die Justiz weitergereicht werden, werden sie den Gang zum Therapeuten vermeiden – und vielleicht im Stillen gefährliche Pläne schmieden. Insofern würde eine Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht der Sicherheit hierzulande mehr schaden als nutzen.     

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