Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Der wunde Punkt

Krankenhäuser Der wunde Punkt

Wenn die Krankenhäuser selbst leiden, trifft das die Menschen an einem wunden Punkt. Für das Gelingen der Reform ist es entscheidend, dass ihr die richtigen Kriterien zugrunde liegen. Eine Analyse von Jens Heitmann.

In Einbeck ist die Reanimation noch einmal geglückt. Als „Bürgerspital“ haben wohlhabende Familien und Ärzte ihrem Krankenhaus ein Weiterleben nach der Insolvenz ermöglicht. Im nur 30 Kilometer entfernten Uslar ist die Notoperation dagegen gescheitert, die letzten Patienten mussten das dortige Klinikum Ende März verlassen. Im Kreis Cloppenburg hat nur die Ökumene das katholische Spital in Löningen vor dem Ende bewahrt: Das christliche Krankenhaus Quakenbrück erbarmt sich seiner. Das sieche Klinikum Hannover hingegen kann nur sich selbst heilen – es ist viel zu groß, um irgendwo unterzuschlüpfen.

Die Leidensgeschichte der einzelnen Häuser unterscheidet sich, der Befund ist allerorten der gleiche: Die Kliniken kommen mit dem Geld nicht aus, das ihnen die Kostenträger zubilligen. Im vergangenen Jahr ist bundesweit jedes zweite Haus in die roten Zahlen gerutscht. Um vor der Bundestagswahl das Schlimmste zu verhindern, haben Union und FDP im Sommer noch eine erste Finanzspritze aufgezogen. Diese kann aber nur die akuten Beschwerden ein wenig lindern, für eine Heilung reicht diese Therapie nicht.

Politische Reflexe ...

Wenn die Krankenhäuser selbst leiden, trifft das die Menschen an einem wunden Punkt. Hospitäler bieten auch dann noch Hoffnung, wenn der Hausarzt kapituliert. Die Hochleistungsmedizin hat die Grenzen des Machbaren so weit verschoben, dass Kranke und deren Angehörige manche Möglichkeiten heute weniger als Chance denn als Drohung wahrnehmen – und sich lebensverlängernde Maßnahmen und Wiederbelebungsversuche verbitten.

Diskussionen solch grundlegender Art verstummen jedoch abrupt, sobald dem eigenen, kleinen Krankenhaus vor der eigenen Haustür die Schließung droht. Dann reihen sich auch Lokalpolitiker und Landtagsabgeordnete in die Lichterketten ein, die sonst nie gemeinsam Position beziehen – und niedergelassene Doctores, die bei Einweisungen längst entferntere Fachkliniken bevorzugen, entdecken den Wert kurzer Wege ebenso plötzlich neu wie ihre Patienten, die im Bekanntenkreis Schauergeschichten über ärztliche Kunstfehler im Haus am Platz verbreiten. Es sind auch diese Reflexe, die eine dauerhafte Sanierung der Krankenhäuser so erschweren.

Bei der Analyse der Misere muss man zwischen den akuten Symptomen und den eigentlichen Beschwerden unterscheiden. Aktuell fehlt es den Krankenhäusern schlicht an Geld. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist zweifellos, dass die Bundesländer schon seit Jahren nur einen Bruchteil der von ihnen versprochenen Gelder für Gebäude und Großgeräte zahlen. Um diese Defizite auszugleichen, müssen die Kliniken ihre Kosten senken – und etwa beim Personal sparen – oder durch mehr Operationen die Einnahmen erhöhen. Solche „Mehrleistungen“ bestrafen die Krankenkassen jedoch mit Abschlägen – und so dreht sich das Hamsterrad von vorn.

Doch selbst wenn die Länder ihren Verpflichtungen nachkämen und die Kassen angesichts ihrer hohen Reserven und des prall gefüllten Gesundheitsfonds ein wenig Nachsicht üben würden, wären die Krankenhäuser nicht aus dem Schneider. Die zunehmende Spezialisierung der Medizin stellte sie in Kombination mit der alternden Gesellschaft vor eine Herausforderung, die sie in ihrer jetzigen Struktur nicht bestehen können. Dass künftig nicht mehr jede kleine Klinik jede mögliche Leistung anbieten kann, liegt auf der Hand: Wer auf dem Lande einen Herzinfarkt erleidet, benötigt schnelle Hilfe vor Ort – planbare Operationen aber gehören in die Hände von Experten.

... bremsen die Sanierung

Auf diesem Weg wird es Gewinner und Verlierer geben; nicht alle 2045 Kliniken hierzulande dürften den nötigen Wandel überleben. Deshalb ist es für das Gelingen der Reform entscheidend, dass ihr die richtigen Kriterien zugrunde liegen. Die Unterhändler von Union und SPD sind sich offenbar einig, dass die nachgewiesene Qualität der Behandlung künftig mit darüber entscheiden soll, wie viel Geld fließt. Darüber hinaus möchte man die ambulante Versorgung besser mit der stationären verzahnen. Beide Schritte weisen in die richtige Richtung – die Widerstände warten in der Etappe.

Auf die Länder kommt die Aufgabe zu, den gewollten Wandel an der Basis zu moderieren. Zwischen Ems und Elbe laufen entsprechende Planungsrunden bereits in einigen Regionen – und sogar vielversprechend, wie es heißt. Man hat auch einen Startvorteil: Nach Baden-Württemberg ist Niedersachsen das Land mit der niedrigsten Bettendichte bundesweit.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung