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Kunstfund Ganz legal

Ungeheuerlich sei es, dass die Werke des Münchener Kunstfundes jahrzehntelang versteckt worden seien. Statt gegen Rückgabehürden argumentieren Kunstexperten heute gern für „faire und gerechte“ Kompromisse zwischen neuem und ursprünglichem Eigentümer. Eine Analyse von Daniel Alexander Schacht.

Nazi-Raub“, „Beutekunst“, „Enteignung“ – als vor zwei Wochen der Fund von mehr als 1000 Kunstwerken in München Schlagzeilen machte, stand gleich das Urteil fest: Ungeheuerlich sei es, dass diese Werke jahrzehntelang versteckt und damit vielleicht ihren rechtmäßigen Besitzern vorenthalten worden seien. Der Schuldige schien auch schon festzustehen: Cornelius Gurlitt, der die Werke bei sich zu Hause aufbewahrt hatte und seither Objekt einer öffentlichen Treibjagd ist. Skandal, Skandal? „Das alles“, entfuhr es dem 80-Jährigen, als eine Reporterin ihn vor seiner Schwabinger Wohnung stellte, „ist eine große Büberei.“

Tatsächlich liegt wenig Konkretes gegen Gurlitt vor. Die Staatsanwaltschaft muss den Verdacht auf Unterschlagung und Steuerhinterziehung erst erhärten, von Beutemacherei ist keine Rede. Gestern stellte sie sogar schon die Rückgabe eines Teils der seit 2012 beschlagnahmten Werke in Aussicht. Die Ungeheuerlichkeit liegt vielleicht gar nicht darin, dass Gurlitt einen Kunstschatz hortete. Dessen Entdeckung rückt den Fokus vielmehr auf den eigentlichen Skandal: den bis heute üblichen Umgang mit Einzug, Enteignung oder schlichtem Raub von Kunstwerken während der Nazi-Zeit.

Die Rechte von Kunsteigentümern ...

Für Nazi-Raubzüge ist Cornelius Gurlitt, der bei Kriegsende erst zwölf Jahre alt war, nicht zu belangen. Nicht zu belangen ist auch sein Vater Hildebrand Gurlitt – freilich vor allem, weil er 1956 gestorben ist. Der Kunsthändler war eine schillernde Figur mit einem Faible für Avantgarde und Moderne. Aber auch mit so exzellenten Verbindungen zum NS-Regime, dass er als einer von nur vier Kunsthändlern den Ausverkauf Tausender von den Nazis als „entartet“ verfemter Kunstwerke abwickeln durfte.

In dem Schwabinger Kunstfund sollen 380 Werke der „entarteten“ Kunst zuzuordnen sein, 590 könnten „verfolgungsbedingt entzogen“ worden sein, 310 der insgesamt 1280 Gemälde und Grafiken gelten als rechtmäßig erworben. Aber ungesetzlich ist auch der Besitz von einst als „entartet“ enteigneter Kunst nicht. Die  Grundlage lieferte das „Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“. Es trat am 31. Mai 1938 in Kraft, um die Beschlagnahme von Werken für die Ausstellung „Entartete Kunst“ zu legalisieren. Die fand allerdings schon im Sommer 1937 statt. Das Gesetz ist also ein klassischer Verstoß gegen das Rückwirkungsverbot und damit ein schlagendes Beispiel dafür, dass damals in Deutschland rechtsstaatliche Standards wenig galten. Doch bis heute ist dieses Gesetz nicht außer Kraft gesetzt worden.

Bis heute üblich ist auch ein Umgang mit „verfolgungsbedingt entzogenen“ Kunstwerken auf Kosten der Rechte ihrer ursprünglichen Eigentümer. In Österreich trat für Fälle, in denen Werke konfisziert oder unter Zwang verkauft wurden, 1998 ein „Rückgabegesetz“ in Kraft. In Deutschland gab es 1999 nur eine Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen, die öffentliche Einrichtungen zur Restitution verpflichtet, Privatsammlungen aber unberührt lässt.

... werden systematisch verletzt

Eine Privatsammlung hatte auch Cornelius Gurlitt. Kein Wunder, dass er sich im Recht sieht: Sein Horten von Kunstschätzen mag man moralisch verurteilen, doch es ist ganz legal – jedenfalls bis zum mühseligen Beweis des Gegenteils in jedem Einzelfall und auch nur bei starken Argumenten gegen eine Verjährung. Dazu kann es erst kommen, wenn alle Werke öffentlich bekannt sind. Gurlitt vergießt in Erwartung von Kunstentzug trotzdem schon ganz öffentlich Tränen. Das Mitleid dürfte sich in Grenzen halten. Noch ist offen, ob eine „Büberei“ nicht auch in seinem Auftreten als ahnungslose Unschuld liegt – eine Unterschlagung liegt ja nur vor, wenn er wissentlich Raubkunst gehortet hat.

Während Gurlitt den Kunstschatz versteckt hielt, hat ein heute 83-Jähriger darum gekämpft, Kunstwerke seiner Eltern aufzuspüren, die, als „entartet“ enteignet, teils durch Hildebrand Gurlitts Hände gingen: Jen Lissitzky, der Sohn der hannoverschen Kunsthistorikerin Sophie Küppers und des Avantgarde-Künstlers El Lissitzky. Er hat diesen Kampf inzwischen aufgegeben – auch aus Enttäuschung über teils aus der Nazi-Zeit stammende Gesetze.

Statt gegen solche Rückgabehürden argumentieren Kunstexperten heute gern für „faire und gerechte“ Kompromisse zwischen neuem und ursprünglichem Eigentümer. Denn sonst, so fürchten sie, könnte eine Welle von Rückgabeforderungen durch alle Sammlungen moderner Kunst gehen. Legal, illegal, ganz egal? Eine Wahrung von Eigentumsrechten sieht anders aus.

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