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Die Cebit erfindet sich neu – wieder einmal

Leitartikel Die Cebit erfindet sich neu – wieder einmal

Dem zuweilen schon hysterischen Hype um Hipster und Hubs will sich die Cebit entziehen, indem sie als Business-Plattform daherkommt. Deshalb soll die Messe nun zu einer Art Labor der Zukunft werden, mehr ein Marktplatz für Ideen als ein Ort für Vertragsabschlüsse. Es ist das neueste Experiment – und hat jetzt begonnen.

Mit schönen Erinnerungen kann man auf unterschiedliche Weise umgehen. Dänen und Griechen zum Beispiel sind sich sehr bewusst, dass ihre Fußball-Nationalmannschaften wohl nie wieder Europameister werden – deshalb würden sie auch nicht den Fehler machen, ihre aktuell eher mittelmäßigen Teams mit den Heroen von damals zu vergleichen. Mit Hannover und der Cebit ist das anders: Wenn die IT-Messe ihre Tore öffnet, werden ihre Macher immer aufs Neue mit den 840 000 Besuchern aus dem Jahr 2001 konfrontiert – und der höhnischen Frage, warum man denn heute schon froh sein soll, wenn die Gästezahl nur um 80 Prozent unter dem alten Niveau liegt.

Ein bisschen haben sich die Veranstalter diese Häme auch selbst zuzuschreiben. Je mehr die Cebit zu schrumpfen begann, desto schriller wurden die Rufe der Marktschreier: Obwohl die Deutsche Messe ihre Ergebnis-Erwartungen Jahr für Jahr zurückschrauben muss, wird die IT-Schau ebenso verlässlich als das beste und bedeutendste Event auf Erden ausgerufen. Wenn Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen, wird das Publikum der ewigen Versprechungen schon mal müde. Wer sich Mut machen will, deutet das laute Pfeifen im Keller als Selbstbewusstsein – für andere kommt es längst aus dem letzten Loch.

Dabei war die Cebit einmal der einzige echte Treffpunkt für technikbegeisterte Konsumenten. Der schnellste Computer, das kleinste Handy, der flachste Fernseher wurden in Hannover vorgestellt. Das ist vorbei, die Nähe zum Verbraucher ist anderenorts längst größer: Die neuesten Mobiltelefone präsentieren die Hersteller auf dem Mobile World

Congress in Barcelona, die neuesten Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin oder der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Und die Medien- und Netzwelt ist gerade erst wieder zur SXSW-Konferenz gepilgert, einem Mekka für Digitales – im texanischen Austin.

Dem zuweilen schon hysterischen Hype um Hipster und Hubs will sich die Cebit entziehen, indem sie als Business-Plattform daherkommt: In Hannover, so die Botschaft, reichen keine wolkigen Versprechungen, hier müssen Cloud-Dienstleister einen konkreten Nutzen für die Kunden nachweisen. Ein Massenansturm mit Teeniehorden und schrillen Bühnenshows wie kurz nach der Jahrtausendwende würde diese Geschäfte nur stören – so hat es der Branchenverband Bitkom verfügt. Als eine reine Verkaufsmesse aber funktioniert die Cebit auch nicht, dafür ist der Aufwand für Aussteller und Besucher zu groß. Deshalb soll die Messe nun zu einer Art Labor der Zukunft werden, mehr ein Marktplatz für Ideen als ein Ort für Vertragsabschlüsse. Es ist das neueste Experiment – und hat jetzt begonnen.

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