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Langenhagen ist nicht der Wilde Westen

Störche am Flughafen Langenhagen ist nicht der Wilde Westen

Der Flughafen erwägt, aus Sicherheitsgründen Störche abzuschießen. Auch wenn Vogelschlag furchtbare Folgen haben kann, ist diese Idee weder praktikabel noch zeitgemäß. Ein Storchen-Shooting braucht niemand, meint Michael Zgoll.

Der Flughafen Langenhagen will Störche abschießen, um die Sicherheit von Passagieren zu gewährleisten. Diese Meldung fand Mitte der Woche auch bundesweit medialen Widerhall. Die Empörung, die sich mancherorts einstellte, war absehbar – so etwas macht man nicht. Wirklich nicht?

Der Sprecher des Flughafens wies auf die vielen Mäuse auf dem Flugfeld hin – für Störche ein gefundenes Fressen. 14 Paare plus 23 Junge sind diesen Sommer im Umkreis von 13 Kilometern unterwegs gewesen, fast täglich stolziert ein Langbein durch die Flugfeld-Flora. Immer wieder sind die Risiken eines Vogelschlags Thema, meist dann, wenn Dramatisches passiert ist. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat sich das Bild der auf dem New Yorker Hudson River notgelandeten Maschine: Graugänse waren in ihre Turbinen geraten. Die israelische Luftwaffe verlor in den vergangenen 30 Jahren mehr Kampfflugzeuge durch Vogelschlag als bei kriegerischen Auseinandersetzungen – dort sind Millionen Zugvögel unterwegs. Weltweit berichten Piloten von einer Zunahme bedrohlicher Begegnungen; der deutsche Ausschuss zur Verhütung von Vogelschlägen im Luftverkehr registrierte 2014 mehr als 1100 Gefahrenmeldungen aus Cockpits deutscher Maschinen.

Und doch: Die Abschuss-Debatte hätte sich die hannoversche Flughafen-Gesellschaft ersparen können. Und sparen. Der Hinweis, dass man einen Weißstorch nur bei „Gefahr in letzter Konsequenz“ abschießen wolle, ist gut und schön – aber was soll das in der Praxis heißen? Will man präventiv jeden Storch ins Fadenkreuz nehmen, der über die Airport-Wiesen schreitet? Nur weil er jeden Moment in Richtung einer landenden Maschine durchstarten könnte und damit eine potenzielle Gefahr darstellt? Oder bauen die Manager darauf, dass der patrouillierende Vogelbeauftragte genau dann an der Startbahn steht, wenn ein Tier von einer Turbine angesogen wird? Das birgt ganz andere Risiken. Storchen-Sheriff aus Hannover trifft Treibstofftank – diese Schlagzeile will niemand lesen.

Nein, es gibt nur einen Weg, der der Flugsicherheit von Mensch und Tier dient: Die Störche müssen weit entfernt gehalten werden von Start- und Landebahnen. Der Bird-Controller in Langenhagen hat eine Schreckschusspistole im Halfter – das passt. Bei den Flugshows im österreichischen Zeltweg oder am Airport Barcelona kreisen Falken, um Störche zu verscheuchen. In Linz wird abends ein Auto auf die Piste geschickt, um ungebetene Fluggäste per Scheinwerferlicht zu vergrämen, auch mit LED-Flackerschein ist man dort unterwegs. Es gibt Forscher, die sich über eine alternative Bepflanzung von Flughafenfeldern Gedanken machen. Andere überlegen, Tiere mit abgespielten Vogelrufen auf benachbartes Grün zu locken.

In Langenhagen dreht sich die Debatte um ein paar Dutzend Störche. Doch gibt es auf allen Kontinenten Flughäfen, wo deutlich mehr Flügelschlag herrscht, oft ganze Vogelschwärme auf dem Radar erscheinen. Dass man irgendeinen Luftraum mittels Gewehrfeuer vogelfrei halten konnte, ist nicht bekannt.

Im Grunde steht der streng geschützte Storch in einer Reihe mit dem Juchtenkäfer, der die Erneuerung der Herrenhäuser Lindenallee verhindert hat. Mit der Fledermaus, die den Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke um Monate verzögerte. Mit dem Feldhamster, dem Schrecken aller Bauherren, oder der Großtrappe, die die Bahn zum Bau eines millionenschweren Schutzwalls zwischen Berlin und Hannover zwang. All diese Tiere kamen dem Menschen ins Gehege, störten seine Pläne. Doch ob es um die Sicherheit im Flugverkehr oder den Artenschutz geht – wir sind gut beraten, nicht nach Wild-West-Manier zu agieren. Global betrachtet gerät die Natur eh immer mehr ins Hintertreffen, da braucht es kein Storchen-Shooting.

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