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Langer Atem

Jörg Kallmeyer zu Pisa Langer Atem

Es gibt ein Pisa-Spiel für den Computer, ein Pisa-Quiz für die Familie und eine Pisa-Show im Fernsehen. Deutschland hat eine sportliche, bisweilen sogar ironische Antwort auf die internationale Schulstudie gefunden, die vor neun Jahren erstmals die Nation erschütterte. Nur die Politik ringt noch immer um die richtige Form.

Die meisten Kultusminister und auch Lehrervertreter hätten sich gestern am liebsten weggeduckt. Schon wieder ein Tag mit Tabellen, mit Vergleichen in der Liga so gewichtiger Konkurrenten wie Korea und Rumänien, mit Kommentaren von klugen Bildungsforschern. Muss das wirklich noch sein? Sind die Schulen etwa dadurch besser geworden, dass sie alle Jahre wieder von Pisa-Kommandos getestet werden?

Das schlechte Gewissen der Nation

Ganz so einfach sollte man es sich nicht machen. Pisa – das steht bis heute für einen Schock in einem Land, das einmal stolz war auf seine Bildung. Versprochen wurde eine radikale Therapie, doch den großen Aufbruch in Schulen und Hochschulen hat es nie gegeben. Deutschland kämpft auch nach drei Pisa-Wellen noch mit einer lähmenden und zunehmend lächerlichen Kleinstaaterei in der Bildungspolitik. Die Ganztagsschule wurde zum wichtigsten Heilmittel für den kranken Patienten ernannt, doch konsequent umgesetzt und flächendeckend eingeführt wurde sie leider nicht. Auch in Niedersachsen rettet man sich mit Billigmodellen über die Zeit. Die Bundesrepublik wird von der Kanzlerin zur „Bildungsrepublik“ erklärt, doch bei den Gesamtausgaben für Schulen und Hochschulen liegt Deutschland in Europa weiter hinten.

Jeder neue Bildungsvergleich erinnert an diese Diskrepanz zwischen dem politischen Versprechen und der schulischen Wirklichkeit. Jeder neue Bildungsvergleich hat daher einen besonderen Wert; er ist ein in Form gegossenes schlechtes Gewissen der Nation.

Man kann sich über die Fortschritte freuen, die deutsche Schüler beim neuen Pisa-Test in Mathematik und in den Naturwissenschaften gezeigt haben. Man sollte sie aber nicht bejubeln. Die Anforderungen an die Schüler sind deutlich erhöht worden – jetzt zeigt die Leistungskurve bei denjenigen, die ohne spezielle Förderung dazu in der Lage sind, deutlich nach oben. Diejenigen aber, die seit Jahren zu den Verlierern in unserem Bildungssystem zählen, bleiben weiterhin ganz unten.

Die Pisa-Studien liefern eine schonungslose Diagnose der Probleme, die richtige Therapie nennen sie nicht. Die Bildungsforscher aber sind sich seit Jahren weitgehend einig, dass der Streit um das richtige Schulsystem nur der eine Teil der Behandlung sein kann. Von zentraler Bedeutung ist es, den Unterricht zu verbessern und die Lehrer besser auszuwählen und zu qualifizieren. Genau an diesem Punkt aber schwächelt die Politik.

Niedersachsen etwa stürzt gerade mit viel Energie in eine Schulstrukturdebatte. Mit der Oberschule, einer gemeinsamen Schule für Haupt- und Realschüler, wurde eine neue Schulform erfunden. Es wird heftig gerungen um Standorte und Sonderwege in den Kommunen.

Viele offene Fragen in Niedersachsen

Begründet wird dies alles mit dem Schülerrückgang in den kommenden Jahren. Niemand aber macht sich Gedanken darüber, worin eigentlich die Besonderheiten der neuen Schule liegen sollen. Ein Hauptschüler wird nicht automatisch ein starker Schüler, weil er mit Stärkeren gemeinsam in eine Schule geht. Wie sieht es aus mit der Förderung in der Oberschule? Wie kann es gelingen, die neue Schule auf die Anforderungen der einzelnen Schüler auszurichten? Wie können mehr Schüler zum Realschulabschluss oder zum Abitur gelangen? Dass der demografische Wandel zu einem Arbeitsmarkt führen wird, auf dem auch weniger qualifizierte Jugendliche gute Chancen haben, ist eine Illusion.

Wer die Schulen verbessern will, muss die Klassenräume öffnen. Eine wichtige Konsequenz aus dem ersten Pisa-Schock war die Einführung eines Schul-TÜVs – höchst unbeliebt bei den Lehrern, effektiv aber allein durch die bloße Existenz. Überall dort, wo sich der Schul-TÜV ankündigte, wurde vorher kräftig ausgemistet. Überall dort, wo er war, hat sich der Alltag in den Schulen geändert. Die Gutachter hatten sich in Niedersachsen gerade erst richtig an die Arbeit gemacht, als sie von Kultusminister Bernd Althusmann schon wieder ausgebremst wurden. Das Zurückfahren der Schulinspektion war ein schwerer Fehler des neuen Ministers.

Wer aus Pisa wirklich Lehren ziehen will, muss einen längeren Atem haben.

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Von Redakteur Jörg Kallmeyer