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Die Stärke des
 Schulmädchens

Kommentar zu Angela Merkel Die Stärke des
 Schulmädchens

CSU-Parteichef Horst Seehofer hat beim Parteitag Kanzlerin Angela Merkel vorgeführt. Die muss das nicht scheren: Auch wenn andere eine „Kanzlerinnendämmerung“ am Horizont sehen, sitzt Merkel so fest im Sattel wie eh und je. Es gibt keine Alternative, und Merkel hält an ihrem Kurs fest. Ein Kommentar von Ulrike Demmer.

Horst Seehofer hat Angela Merkel vorgeführt. Wie ein Schulmädchen hat er sie auf offener Bühne gescholten. Das war nicht schön für die Kanzlerin. Es sagt aber mehr über Horst Seehofer als über Angela Merkel. Wer versucht, Überlegenheit zu demonstrieren, indem er den Gegner kleinmacht, erreicht in der Politik oft das Gegenteil. Unterm Strich hat Seehofer auf dem Parteitag in München eher die eigene Autorität ramponiert als die der Kanzlerin.

Für Merkel gilt: Was kümmert es die Eiche, wenn sich das Wildschwein an ihr reibt? Merkel regiert in einer herausfordernden Zeit. Die Kanzlerin muss seit Jahren eine Krise nach der anderen bewältigen. Gemessen an der Schuldenkrise, dem Krieg in Syrien, dem Terror der Islamisten und Millionen Menschen auf der Flucht ist der Streit mit der Schwesterpartei lästig, ist das schlechte Benehmen von Seehofer unerfreulich, aber auf lange Sicht kein großes Problem.

Schon sehen viele wieder die „Kanzlerinnendämmerung“ am Horizont. Doch da ist bei vielen der Wunsch der Vater des Gedankens. Merkel hat in den vergangenen Jahren ausdauernd, kühl und machtbewusst ihre CDU modernisiert. Nicht allen hat das gefallen; angesichts sinkender Umfragewerte hat eine Absetzbewegung begonnen. Merkels Gegner sehen die Chance für eine Abrechnung gekommen – allen voran jene, die es wie Gerhard Schröder vor zehn Jahren nach seiner Abwahl in der Elefantenrunde schon nicht fassen konnten, wie diese konturlose Frau aus dem Osten überhaupt so weit kommen konnte.

Wirklich gefährlich sind für Merkel jedoch weder die gesunkenen Umfragewerte noch die parteiinternen Gegner. Macht ist immer eine Frage der Alternativen. Nur der Atem eines Rivalen im Nacken könnte Merkel dazu zwingen, mehr Rücksicht zu nehmen auf die eigene Partei. Aber wer sollte dieser Rivale derzeit sein? Die lange als Nachfolger gehandelten Favoriten, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Innenminister Thomas de Maizière, gelten als angeschlagen. Finanzminister Wolfgang Schäuble wäre ein allseits respektierter Ersatz, aber nur, wenn die Kanzlerin selbst nicht mehr will.

Merkel sitzt nach zehn Jahren Kanzlerschaft fester im Sattel, als ihre Kritiker es wahrhaben wollen. Selten hat sie so viel Kontur gezeigt wie jetzt in der Flüchtlingskrise. Sie bekommt Druck von rechts und von links. Doch die Kanzlerin agiert in dieser Frage nicht parteitaktisch. Sie hält an ihrem Kurs fest, weil sie ihn für vernünftig hält, nicht um Gegnern wie Seehofer eins auszuwischen. Auch den Einbruch in der Wählergunst fürchtet sie nicht. Merkel lässt sich nicht von sinkenden Umfragewerten treiben.

Das alles sind Zeichen der Stärke, nicht der Schwäche. Merkel hält auch mal ein paar unschöne Szenen aus. Sie weiß: Die Zeiten eignen sich nicht für politische Ränkespiele. Über einen schlechten Tag wie den bei der CSU blickt sie hinweg.

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