Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Die große Facebook-Blase
Nachrichten Meinung Die große Facebook-Blase
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 22.01.2016
Anzeige

„Erst kommen die Worte, dann kommen die Taten.“ Bundesjustizminister Heiko Maas hat am Dienstag noch einmal in dramatischen Worten klargestellt, warum er es sich seit Monaten zur Aufgabe gemacht hat, gegen die sogenannten Hass-Kommentare auf Facebook vorzugehen. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen brennenden Asylbewerberheimen und der Stimmungsmache im Netz. Und er hat mehr erreicht, als ihm die meisten zugetraut hätten.
 Facebook hat vor Kurzem eine Firma
 beauftragt, das Netzwerk nach Hass-
Botschaften zu durchforsten und verunglimpfende und rassistische Kommentare in Deutschland zu löschen. Nun folgt ein weiterer Versuch der „Freunde“-Maschine aus dem Silicon Valley, die deutschen Befindlichkeiten einzuhegen. Facebook will gemeinsam mit honorigen Organisationen eine Initiative für Zivilcourage gründen, um Extremismus im Internet entgegenzuwirken.

Das ist ein löblicher Ansatz und letztlich nachhaltiger als das bloße Löschen – zumal ja längst nicht jeder fremdenfeindliche Kommentator auch rechtlich belangt werden kann.
Das Facebook-Problem ist aber grundsätzlicher. Die Ursache für die oft beklagte Enthemmung im Netz, für das zunehmend verbreitete Gefühl, die Welt da draußen lügt und betrügt, liegt auch in der Architektur des sozialen Internets. Die hoch entwickelten Facebook-Algorithmen sind darauf geeicht, ihren Nutzern Informationen, Produkte und Kontakte zu vermitteln, die ihren Interessen möglichst genau entsprechen. Ohne Algorithmus gäbe es schlicht zu viele Beiträge, die der Nutzer gar nicht alle erfassen kann. Jeder Klick, jedes „Gefällt mir“ verfeinert deshalb diese Filter und schafft eine engere, angepasstere und personalisiertere Blase, die vermeintlich Unerwünschtes aussortiert und Gleichgesinnte zusammenbringt.

Man darf sich zum Beispiel einen Ufo-Forscher heute nicht als einsamen Menschen vorstellen. Man kann sich stundenlang mit einem entsprechenden Profil auf Facebook bewegen, ohne auf einen „Freund“, einen Post oder auf einen Artikel zu stoßen, der behauptet, es gebe keine Ufos. Facebook erschafft unzählige Nebenrealitäten, die in Wahrheit nicht mehr sind als Echokammern für die eigenen Vorstellungen und Vorurteile.

Die Wut, die sich in diesen Tagen gegen jegliche Institutionen Bahn bricht, findet in diesen gefilterten Wahrnehmungen ihren Nährboden. Wer den ganzen Tag über Meldungen aus Europa zur Flüchtlingskriminalität geschickt bekommt, wähnt sich in einer anderen Welt als jemand, dessen Facebook-Kontakte alle in Flüchtlingsunterkünften arbeiten.

Die Folgen sind riesig. Die Gesellschaft verliert zunehmend die Fähigkeit, auf einer gemeinsamen Grundlage zu streiten. Das schürt den Hass – und vergrößert die Sprachlosigkeit. Das ist letztlich womöglich sogar schlimmer als hässliche Kommentare. Denn auch keine Worte können zu Taten führen.     

Von Dirk Schmaler

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In der Bewältigung der Flüchtlingskrise überbieten sich die Regierungsmitglieder mit immer neuen Ideen, schließlich stehen bald Landtagswahlen an, und die AfD ist weiter im Aufwind. Auch überzeugen die Vorschläge die anderen Mitglieder Europäischen Union nicht, sich an der Lösung zu beteiligen. Eine Analyse von Marina Kormbaki.

22.01.2016

Die Bundeswehr steht vor dem nächsten Auslandseinsatz: In Libyen soll die "Achse des Terrors" bekämpft werden. Gleichzeitig gelangen über das afrikanische Land viele Flüchtlinge nach Europa. Doch so einfach ist der Marschbefehl nicht umzusetzen. Ein Kommentar von Jörg Köpke.

22.01.2016

Nach dem Abgasskandal ist VW zum Neuanfang gezwungen - beim Handeln und beim Denken. Doch genau bei diesem Neuanfang ist VW noch zu langsam. Eine Analyse von Stefan Winter.

Stefan Winter 20.01.2016
Anzeige