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Die große Facebook-Blase

Leitartikel Die große Facebook-Blase

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat am Dienstag noch einmal dazu aufgerufen, Drohungen und strafbare Inhalte bei Facebook nicht hinzunehmen. Wer aber auf Facebook ein Profil hat, bewegt sich in einer durch Algorithmen personalisierten Blase, durch die es für die Gesellschaft zunehmend unmöglich wird, eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu finden.   Eine Analyse von Dirk Schmaler. 

„Erst kommen die Worte, dann kommen die Taten.“ Bundesjustizminister Heiko Maas hat am Dienstag noch einmal in dramatischen Worten klargestellt, warum er es sich seit Monaten zur Aufgabe gemacht hat, gegen die sogenannten Hass-Kommentare auf Facebook vorzugehen. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen brennenden Asylbewerberheimen und der Stimmungsmache im Netz. Und er hat mehr erreicht, als ihm die meisten zugetraut hätten.
 Facebook hat vor Kurzem eine Firma
 beauftragt, das Netzwerk nach Hass-
Botschaften zu durchforsten und verunglimpfende und rassistische Kommentare in Deutschland zu löschen. Nun folgt ein weiterer Versuch der „Freunde“-Maschine aus dem Silicon Valley, die deutschen Befindlichkeiten einzuhegen. Facebook will gemeinsam mit honorigen Organisationen eine Initiative für Zivilcourage gründen, um Extremismus im Internet entgegenzuwirken.

Das ist ein löblicher Ansatz und letztlich nachhaltiger als das bloße Löschen – zumal ja längst nicht jeder fremdenfeindliche Kommentator auch rechtlich belangt werden kann.
Das Facebook-Problem ist aber grundsätzlicher. Die Ursache für die oft beklagte Enthemmung im Netz, für das zunehmend verbreitete Gefühl, die Welt da draußen lügt und betrügt, liegt auch in der Architektur des sozialen Internets. Die hoch entwickelten Facebook-Algorithmen sind darauf geeicht, ihren Nutzern Informationen, Produkte und Kontakte zu vermitteln, die ihren Interessen möglichst genau entsprechen. Ohne Algorithmus gäbe es schlicht zu viele Beiträge, die der Nutzer gar nicht alle erfassen kann. Jeder Klick, jedes „Gefällt mir“ verfeinert deshalb diese Filter und schafft eine engere, angepasstere und personalisiertere Blase, die vermeintlich Unerwünschtes aussortiert und Gleichgesinnte zusammenbringt.

Man darf sich zum Beispiel einen Ufo-Forscher heute nicht als einsamen Menschen vorstellen. Man kann sich stundenlang mit einem entsprechenden Profil auf Facebook bewegen, ohne auf einen „Freund“, einen Post oder auf einen Artikel zu stoßen, der behauptet, es gebe keine Ufos. Facebook erschafft unzählige Nebenrealitäten, die in Wahrheit nicht mehr sind als Echokammern für die eigenen Vorstellungen und Vorurteile.

Die Wut, die sich in diesen Tagen gegen jegliche Institutionen Bahn bricht, findet in diesen gefilterten Wahrnehmungen ihren Nährboden. Wer den ganzen Tag über Meldungen aus Europa zur Flüchtlingskriminalität geschickt bekommt, wähnt sich in einer anderen Welt als jemand, dessen Facebook-Kontakte alle in Flüchtlingsunterkünften arbeiten.

Die Folgen sind riesig. Die Gesellschaft verliert zunehmend die Fähigkeit, auf einer gemeinsamen Grundlage zu streiten. Das schürt den Hass – und vergrößert die Sprachlosigkeit. Das ist letztlich womöglich sogar schlimmer als hässliche Kommentare. Denn auch keine Worte können zu Taten führen.     

Von Dirk Schmaler

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