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Ein unruhiges Jahr hat begonnen

Leitartikel Ein unruhiges Jahr hat begonnen

War nicht eben noch alles gut? Die Arbeitsmarktexperten bemühten Superlative, der Einzelhandel feierte glänzende Weihnachten, das Wirtschaftswachstum sollte stabil bleiben. Und dann erlebt der Dax gleich zu Beginn des Börsenjahres zwei schwarze Tage.  Eine Analyse von Stefan Winter.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind im Weltmaßstab eben doch nicht so glänzend wie gedacht. Und einer der größten Unsicherheitsfaktoren hat sich jetzt nachdrücklich in Erinnerung gerufen: In China flüchten die Anleger so eilig aus den Aktien, dass der Handel am Donnerstag schon nach einer halben Stunde gestoppt wurde. Der Wert der Landeswährung Yuan bröckelt.

Dahinter steht, wie fast immer an den Finanzmärkten, eine Vertrauenskrise. Dass China nach dem jahrelangen Boom in eine neue Phase eintritt, haben inzwischen alle verinnerlicht. Die Staats- und Parteiführung fand dafür den eingängigen Begriff des „new normal“, der neuen Normalität, deren Wirtschaftswachstum immer noch bei 6  bis 7 Prozent pro Jahr liegt. Aber liegt es da wirklich? Die meisten Experten zweifeln die offiziellen Statistiken des autoritären Staats an, vermuten deutlich niedrigere Werte, haben aber keine Gewissheit – darin liegt der erste Grund der Vertrauenskrise.

Seit ersten Börsenunruhen im vergangenen Sommer versucht die Regierung gegenzusteuern und wirkt dabei gelegentlich, als wolle sie Aktienkurse wie Fünfjahrespläne beschließen. Im Niemandsland zwischen autoritärem Kommunismus und entfesseltem Kapitalismus wirkt Chinas Führung bisweilen geradezu hilflos – auch das weckt kein Vertrauen. Zudem verfallen chinesische Anleger, die ihre ersten prägenden Erfahrungen in einem Börsenkasino ohne großes Verlustrisiko machten, noch schneller in Panik als ihre westlichen Kollegen. China, das ahnt man jetzt rund um den Globus, steckt in einer äußerst schwierigen Phase und wird noch für manche Unruhe gut sein.

Was an den dortigen Börsen geschehen ist, darf man getrost einen Crash nennen. Was davon in Deutschland ankommt, ist allerdings bislang nur etwas Gerüttel, und es sieht nicht so aus, als würde schon bald mehr daraus. Schließlich ist bei allen Zweifeln an Pekings offiziellen Wachstumszahlen immerhin noch keine Rede von Rezession in China. Jetzt spüren zwar viele deutsche Unternehmen ein Auslaufen des China-Booms in ihren Auftragsbüchern, aber nur für wenige ist es ein wirklicher Schlag ins Kontor. Es bleibt vor allem dabei, dass in Europa die Notenbank weiter für ungebremste Geldflut sorgt. Mangels lukrativer Alternativen wird davon auch weiterhin viel in Aktien angelegt werden und immer wieder die Kurse stützen. Doch Nervenproben wird es noch viele geben. Das Börsenjahr hat unruhig begonnen, und unruhig wird es angesichts vieler Konflikte – wirtschaftlicher und politischer – auch bleiben.

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