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Es geht um mehr als Griechenland

Leitartikel Es geht um mehr als Griechenland

Beim Schuldenstreit mit Griechenland geht es längst nicht mehr nur die Finanzen des Mittelmeerstaates. Die Euro-Staaten müssen sich zusammenraufen, wenn die Schuldenkrise nicht die ganze Währungsunion zerrütten soll.  Ein Leitartikel von Marina Kormbaki.

Hannover. Der Streit um weitere Kredite für Griechenland reißt Gräben auf in Europa. Deutsche, Finnen, Balten und Slowaken haben kaum noch Vertrauen und Geduld für die Griechen übrig. Ein Austritt des Landes aus der Währungsunion erscheint ihnen als verkraftbares Übel. Darauf lassen Äußerungen der Finanzminister dieser Länder schließen – ebenso wie das am Wochenende bekannt gewordene Positionspapier von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der einen „Grexit auf Zeit“ für möglich hält. Eine provokante These, die nicht minder erstaunliche Erwiderungen hervorrief. „Zu Deutschland sage ich: Genug ist genug!“, ließ sich Italiens Premier Matteo Renzi zitieren, inoffizieller Sprecher jener Euro-Staaten, die Griechenland entgegenkommen wollen.

Im sechsten Jahr der Schuldenkrise durchlebt die Europäische Union eine in ihrer Geschichte beispiellos heftige Konfrontation. Man könnte jetzt alle Schuld daran den Griechen anlasten: Haben sie es also geschafft, einen Keil in die Gemeinschaft zu treiben, um ihre Interessen durchzusetzen; ist die List des Alexis Tsipras doch tatsächlich aufgegangen.

Wer das meint, überschätzt das diplomatische Geschick der Griechen. Und er unterschätzt die Komplexität der Euro-Krise.

Ja, Griechenland hat sich durch jahrzehntelange Misswirtschaft in eine desaströse Lage gebracht. Und Tsipras täte gut daran, Reformen nicht bloß anzukündigen, sondern endlich auch zu beschließen. Aber der Euro droht nicht an Griechenland zu scheitern. Vielmehr ist die griechische Schuldenkrise ein Symptom dafür, dass die mit reichlich naivem Optimismus zusammengezimmerte Konstruktion der Währungsunion auf wackligem Fundament steht. Eine gemeinsame Währung bei 19 getrennten Finanzhaushalten, Schuldenbergen und Verschuldungsbedingungen mindert die Ungleichheit zwischen den Euro-Staaten nicht – sie verschärft sie. Doch anstatt die Ursachen der Konstruktionsmängel am Euro-Haus zu beheben, anstatt die wirtschaftliche Gemeinschaft politisch zu fundieren, meinen jetzt viele, es sei besser, das eine Zimmer mit Schimmelbefall herauszureißen.

Die Radikallösung namens „Grexit“ und das viele Gerede darum erschweren eine sachliche Beurteilung der Krisenpolitik – einer Politik der Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen. Dabei genügen zwei Zahlen aus Athen, um Zweifel zu wecken an ihrem Erfolg: Vor der Krise hatte Griechenland 240 Milliarden Euro Schulden, jetzt sind es knapp 330 Milliarden Euro. Der Aufschwung lässt sich offenbar nicht herbeisparen. Dass darauf ausgerechnet Italien und Frankreich hinweisen – Länder also, die selbst Krisenkandidaten sind –, verwundert nicht. Dennoch kann es sich die Bundesregierung nicht leisten, die Einwände zu überhören. Denn bei einem „Grexit“ gegen den Willen von EU-Gründungsstaaten würde aus der europäischen Schuldenkrise eine Existenzkrise der EU.     

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