Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Es geht um mehr als Griechenland
Nachrichten Meinung Es geht um mehr als Griechenland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 15.07.2015
Anzeige
Hannover

Der Streit um weitere Kredite für Griechenland reißt Gräben auf in Europa. Deutsche, Finnen, Balten und Slowaken haben kaum noch Vertrauen und Geduld für die Griechen übrig. Ein Austritt des Landes aus der Währungsunion erscheint ihnen als verkraftbares Übel. Darauf lassen Äußerungen der Finanzminister dieser Länder schließen – ebenso wie das am Wochenende bekannt gewordene Positionspapier von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der einen „Grexit auf Zeit“ für möglich hält. Eine provokante These, die nicht minder erstaunliche Erwiderungen hervorrief. „Zu Deutschland sage ich: Genug ist genug!“, ließ sich Italiens Premier Matteo Renzi zitieren, inoffizieller Sprecher jener Euro-Staaten, die Griechenland entgegenkommen wollen.

Im sechsten Jahr der Schuldenkrise durchlebt die Europäische Union eine in ihrer Geschichte beispiellos heftige Konfrontation. Man könnte jetzt alle Schuld daran den Griechen anlasten: Haben sie es also geschafft, einen Keil in die Gemeinschaft zu treiben, um ihre Interessen durchzusetzen; ist die List des Alexis Tsipras doch tatsächlich aufgegangen.

Wer das meint, überschätzt das diplomatische Geschick der Griechen. Und er unterschätzt die Komplexität der Euro-Krise.

Ja, Griechenland hat sich durch jahrzehntelange Misswirtschaft in eine desaströse Lage gebracht. Und Tsipras täte gut daran, Reformen nicht bloß anzukündigen, sondern endlich auch zu beschließen. Aber der Euro droht nicht an Griechenland zu scheitern. Vielmehr ist die griechische Schuldenkrise ein Symptom dafür, dass die mit reichlich naivem Optimismus zusammengezimmerte Konstruktion der Währungsunion auf wackligem Fundament steht. Eine gemeinsame Währung bei 19 getrennten Finanzhaushalten, Schuldenbergen und Verschuldungsbedingungen mindert die Ungleichheit zwischen den Euro-Staaten nicht – sie verschärft sie. Doch anstatt die Ursachen der Konstruktionsmängel am Euro-Haus zu beheben, anstatt die wirtschaftliche Gemeinschaft politisch zu fundieren, meinen jetzt viele, es sei besser, das eine Zimmer mit Schimmelbefall herauszureißen.

Die Radikallösung namens „Grexit“ und das viele Gerede darum erschweren eine sachliche Beurteilung der Krisenpolitik – einer Politik der Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen. Dabei genügen zwei Zahlen aus Athen, um Zweifel zu wecken an ihrem Erfolg: Vor der Krise hatte Griechenland 240 Milliarden Euro Schulden, jetzt sind es knapp 330 Milliarden Euro. Der Aufschwung lässt sich offenbar nicht herbeisparen. Dass darauf ausgerechnet Italien und Frankreich hinweisen – Länder also, die selbst Krisenkandidaten sind –, verwundert nicht. Dennoch kann es sich die Bundesregierung nicht leisten, die Einwände zu überhören. Denn bei einem „Grexit“ gegen den Willen von EU-Gründungsstaaten würde aus der europäischen Schuldenkrise eine Existenzkrise der EU.     

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Das Hin- und Her ist vorbei. Griechenland muss den Staat umbauen, sonst gibt es keine neuen Rettungskredite. Beim Krisengipfel wird immer noch mit einem "Grexit" gedroht. Geht die Rechnung auf?

12.07.2015

EU-Ratspräsident Donald Tusk hat den für Sonntagabend angesetzten Sondergipfel aller 28 EU-Staaten zur Griechenlandhilfe abgesagt. Stattdessen werde es am Nachmittag nur das Gipfeltreffen der 19 Staats- und Regierungschefs der Euroländer geben, teilte Tusk am Sonntagmorgen auf Twitter mit.

12.07.2015

Stehen Griechenland und die Geldgeber kurz vor einer Einigung? Oder kommt ein neues Hilfspaket überhaupt nicht zustande? Viele EU-Staaten sind skeptisch – zumal das Vertrauen in Athen fehlt.         

11.07.2015

Mit der Festnahme von 50 Juristen und Aktivisten tritt die chinesische Regierung die Menschenrechte wieder mal mit Füßen – ausgerechnet kurz vor einem Peking-Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD). Der muss vor Ort klare Worte finden. Ein Kommentar von Felix Lee.

15.07.2015

Hannovers Schulpolitiker wollen die verbliebenen Haupt- und Realschulen mal eben zu kleinen Gesamtschulen machen. Das ist pädagogisch unsinnig und geht an den Interessen von Schülern und Eltern vorbei, meint Saskia Döhner.

Saskia Döhner 14.07.2015

Tsipras wollte ein neues Kapitel aufschlagen für sein Land. Politik, klarer Fall, braucht eine Utopie. Aber sie braucht auch Realismus in der Frage, welche Wege tatsächlich zum Ziel führen. Ein Leitartikel von Matthias Koch.

13.07.2015
Anzeige