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Hochste Zeit für Afrika

Leitartikel Hochste Zeit für Afrika

Gewiss. Europa hat genug Probleme. Also was geht uns Afrika an? Die Realität zeigt: Eine Menge. Und Ignoranz kann die Wirklichkeit nun mal nicht verändern, analysiert Marina Kormbaki.

Hannover. Die Bundeskanzlerin sei eine „Dame mit Herz“. Das Lob des malischen Präsidenten für Angela Merkel ist dazu angetan, den wahren Charakter ihrer Afrika-Reise vergessen zu machen. Merkel hat das von Islamisten bedrohte Mali und den Elendsstaat Niger besucht, heute macht sie in Äthiopien Station. Anders als üblich bei Besuchen westlicher Prominenz in dieser Weltregion posiert Merkel weder mit Spendenschecks noch zwischen Kindern. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der gestern in Nigeria war, übrigens auch nicht. Zwar haben beide Gastgeschenke im Gepäck: Hilfen in Millionenhöhe und Militärunterstützung. Doch das ist kein Ausdruck von Mitleid, sondern von Eigennutz: Die Bundesregierung reist zu den Menschen nach Afrika, damit diese nicht nach Europa kommen.

Afrika rückt näher ans Zentrum deutscher Außenpolitik – endlich. Viel musste passieren, ehe die Bundesregierung die strategische Bedeutung des Nachbarkontinents für Sicherheit und Wohlstand in Europa erkannt hat. Zu lange vertrat Berlin den Standpunkt, die Bootsflüchtlinge im Mittelmeer seien allein das Problem der Südeuropäer. Diesen Fehler räumt inzwischen auch die Kanzlerin ein. Der Zuzug von mehr als einer Million Flüchtlingen ins eigene Land binnen eines Jahres lehrt, dass Deutschland von den Flüchtlingswanderungen gen Norden nicht verschont bleibt. Der Streit in der EU über die Asylpolitik belegt die Sprengkraft des Themas. Der Umgang mit Migration ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Ohne die Hinwendung nach Afrika kommt keine verantwortungsbewusste Politik aus. Gewiss: Europa hat genug eigene Probleme. Da liegt es nicht gerade nahe, sich auch noch die Probleme Afrikas aufzuhalsen. Man könnte die Augen vor Armut, Misswirtschaft und Gewalt auf dem Kontinent verschließen nach dem Motto: Was geht uns das an? Allein: Ignoranz verändert nicht die Wirklichkeit.

Und die sieht so aus: Tag für Tag landen Hunderte Afrikaner an Europas Küsten. Die Leute kommen, dem Massensterben auf dem Mittelmeer zum Trotz. Und es werden mehr. Bis 2050 wird sich die Zahl der Afrikaner von heute rund einer Milliarde auf zwei Milliarden verdoppelt haben. Millionen könnten nach Europa kommen, wenn sie daheim keine Perspektiven haben. Es liegt also im Interesse, in den Möglichkeiten und in der historischen Verantwortung des Nordens, Afrikas Wohl zu fördern – ohne dessen Regierungen aus der Verantwortung zu entlassen. Die Bundesregierung allein kann das nicht schaffen. Italien steht ihr zur Seite, weil es stark betroffen ist vom Menschenstrom über das Mittelmeer. Und auch die einstige Kolonialmacht Frankreich zieht mit bei einer neuen Afrika-Strategie Europas. Sonst noch jemand? In Europas Hauptstädten gibt es eher Achselzucken und Schweigen. Es regieren Politiker, die ihre eigenen Interessen verkennen.

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