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Meinung Der Wert der Stille
Nachrichten Meinung Der Wert der Stille
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00:22 02.04.2015
Von Imre Grimm
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Apollon, der griechische Gott des Lichts, der Heilung und der Mäßigung, liebte einst die schöne Koronis. Zum Test ihrer Treue sandte er eine weiße Krähe aus, die das Mädchen prompt bei einem Seitensprung erwischte. Als der Vogel seinem Herrn die schlechte Nachricht überbrachte, verwandelte dieser wütend sein weißes Federkleid in tiefes Schwarz und verdammte ihn dazu, fortan nur noch böse zu krächzen. Überbringer schlechter Nachrichten leben gefährlich. Wenn der diffuse Zorn des Empfängers groß ist, wenn die Schockwellen der Empörung und Verunsicherung kein Ventil finden - trifft es den Boten.

Eine Woche nach dem Airbus-Absturz tobt eine Debatte über Ethik und Moral bei der Berichterstattung über die Katastrophe, über Wohl- oder Fehlverhalten von Medien, die ihr Heil in der Emotionalisierung und in immer kürzeren Erregungszyklen suchen. Unfassbare Szenen: Reporter bieten Fünftklässlern in Haltern Geld für Interviews. Journalisten schleichen sich in Notfallseelsorger-Warnwesten auf den Schulhof. Schüler schirmen ihre weinenden Kameraden durch „menschliche Schutzschilde“ vor den Kameras ab. Die „Tagesthemen“ zeigen das Foto eines unbescholtenen Berners statt des Copiloten. Schlimme Tage für das Land. Schlimme Tage für seinen Journalismus. Und zur Trauer über 150 Tote gesellte sich eine Grundempörung über völlig überdrehte Medien.

Dabei ersetzt Lautstärke keine Tiefe, Masse keine Erkenntnis. Der moderne Instant-Journalismus, der alles immer sofort und am schnellsten zu liefern verspricht, stößt an Grenzen. Denn „Echtzeit-Analyse“ ist ein Widerspruch in sich. Es ist die Unaufrichtigkeit der Zunft, die Schamfreiheit und pompös überspielte Ratlosigkeit, die Zuschauer, Hörer, Leser als provozierend empfinden.

Maßlosigkeit gibt es jedoch auf beiden Seiten. Maßlos ist die abstoßende Skrupellosigkeit bei der publizistischen Ausschlachtung des Unglücks. Maßlos ist aber auch die pauschale Mediendämonisierung in den sozialen Netzwerken, wo alles, was sich „Journalismus“ nennt, in einem Topf landet. Beides ist, auf den Kern reduziert, Ausdruck für die wachsende Entfremdung zwischen Medien und Publikum - und für die Tatsache, dass weder „die Medien“ noch „das Publikum“ es aushalten, wenn es statt Wahrheiten nur Wahrscheinlichkeiten gibt.

Es gab und gibt wertvolle Beiträge zu Flug 9525 zu hören, sehen und lesen. Reflexion und Verarbeitung aber setzen Pausen voraus. Trauer braucht Raum. Stille hat ihren Wert, aber keine Lobby. Wer heute schweigt, gilt als nichtssagend, denn Ruhe widerspricht dem Geschäftsmodell der Gefühlsverkäufer, für die ein solches Unglück vor allem eine Story ist. Es könnte eine Lehre sein: dass Journalismus und Ruhe sich nicht ausschließen müssen. Die alten Griechen wussten sehr genau, warum sie dem Gott Apollon die Fachgebiete Heilung und Mäßigung übertrugen: weil Heilung in der Mäßigung liegt.

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