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Die Klimachance von Paris

Leitartikel Die Klimachance von Paris

Zu Heilserwartungen gibt die Bilanz der UN-Klimagipfel kaum Anlass. Seit mehr als 20 Jahren diskutiert die Staatengemeinschaft über ein globales Klimaschutzabkommen. In dieser Zeit sind die Treibhausgas-Emissionen um 60 Prozent gestiegen. Ein Leitartikel von Marina Kormbaki.

Klimagipfel der Vereinten Nationen finden stets zum selben Zeitpunkt statt: Es ist immer fünf vor zwölf. Dramatisch klingen auch jetzt die nach Paris gerichteten Appelle: Die Menschheit möge doch auf der heute beginnenden 21. UN-Klimakonferenz die Kurve kriegen, bevor es endgültig zu spät ist. In dieser Hoffnung zogen gestern Tausende beim „Klimamarsch“ durch Berlin.

Zu Heilserwartungen gibt die Bilanz der UN-Klimagipfel allerdings kaum Anlass. Seit mehr als 20 Jahren diskutiert die Staatengemeinschaft über ein globales Klimaschutzabkommen. In dieser Zeit sind die Treibhausgas-Emissionen um 60 Prozent gestiegen. Es scheint, als sei der UN-Klimagipfel bloß ein reinigendes Ritual für Umweltsünder. Spektakulär, aber folgenlos. Da liegt die Idee nahe, diese Veranstaltung einfach sein zu lassen. Es wäre eine schlechte Idee.

Der Klimawandel ist kein Problem, das jeder Staat für sich lösen kann. Die Erderwärmung ist ein globales Phänomen, ihre Begrenzung erfordert die Anstrengung aller. Bis zum Jahr 2100 wird sich die Erde um 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erwärmen - das ist die optimistische Prognose. Den Temperaturanstieg spürt nicht jeder Staat auf gleiche Weise. Aber alle müssen sich den Klimawandelfolgen anpassen. Das verlangt nach Austausch von Wissen und Technologie. Und es verlangt nach Geld für den Ausgleich von Lasten.

Paris wird nicht den Durchbruch bringen

Auch Paris wird nicht den Durchbruch bringen. Zwar haben 170 Staaten ihre Pläne für weniger CO2-Ausstoß eingereicht. Doch selbst wenn die Vorhaben umgesetzt würden, stiege der Klimagasausstoß weiter an. Streit gibt es zudem über die Verbindlichkeit und Kontrolle der staatlichen Klimaziele. Und obwohl das große Schlagwort dieser Konferenz „Dekarbonisierung“ lautet, schreibt sich keine Industrienation die prompte Abkehr von fossilen Rohstoffen auf die Fahne. Auch Deutschland nicht. Die Bundesregierung richtet sich ein im Widerspruch: Trotz der eingeläuteten Energiewende liegt der Kohleausstieg noch in weiter Ferne. Immerhin aber sind Fortschritte in Paris möglich.

Es besteht Handlungsdruck, darin ist man sich einig. Barack Obama will als US-Klimapräsident in Erinnerung bleiben, die USA haben das Thema endlich für sich entdeckt. China und Indien stellen erstmals die Minderung ihres CO2-Ausstoßes in Aussicht. Und mit der Flüchtlingskrise ist bei vielen Europäern die Einsicht gereift, dass Fluchtursachen durch Klimawandelfolgen wie Dürre und Überschwemmungen verstärkt werden.

Es ist ein Zeichen französischen Selbstvertrauens, dass der Gipfel in Paris stattfindet, nur zwei Wochen nach den Anschlägen. Die verwundete Stadt birgt auch eine Chance fürs Klima. Syrien, der IS, die Flüchtlinge - die Staatengemeinschaft hat zuletzt viele Gelegenheiten verstreichen lassen, Einigkeit zu zeigen. Dass von den 147 für heute nach Paris geladenen Staats- und Regierungschefs trotz des Terrors kein einziger abgesagt hat, lässt hoffen.

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Von Redakteur Marina Kormbaki