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Was kann der Sport?

Leitartikel Was kann der Sport?

Der Sport ist eine herrliche Gefühlsmaschine; sie lässt zu, was unsere Kultur sonst so gern verbirgt: klare Freundschaft, bedingungslose Gegnerschaft und unverstellte Begeisterung. Wenn das jedoch, wie in immer mehr Fußball-Arenen zu erleben, in eine Art Ersatzgottesdienst umschlägt, wird es absurd. Eine Analyse von Hendrik Brandt. 

Es geht schon wieder los. Kaum ist die EM der Fußballer zu Ende diskutiert, nähert sich das Jahr mit der Eröffnung der Olympischen Spiele in Brasilien einem nächsten Sport-Höhepunkt – und hierzulande kehrt bereits der Alltag in die Fußball-Ligen zurück. Für Hannover in diesem Jahr sogar etwas früher; so ist das, wenn man plötzlich wieder in der zweiten Klasse sitzt. Eine echte Pause ist am Ende weder den Akteuren noch den Zuschauern geblieben. Dieser atemlose Sportsommer 2016 bietet eine neue Höchstdosis an jener Ablenkung vom Alltag, für die der Sport eben auch steht. Erst recht, wenn er höchst passiv als Zuschauer konsumiert wird. Kein Wunder, wenn mancher da süchtig wird.

Sportkonsum ist im Grunde auch etwas Herrliches. Man muss sich selbst nicht anstrengen, es gibt einen zeitlich und räumlich überschaubaren Rahmen samt leidlich fester Regeln, einen zuverlässigen Verbund von Gleichgesinnten – und ein ebenso unverfängliches wie unerschöpfliches Gesprächsthema für alle Gelegenheiten. All das also, was der Gesellschaft in all ihren rasenden Veränderungen ansonsten immer öfter abhanden kommt. Eine schön geschwungene Klammer um im Grunde völlig unterschiedliche Menschen und Interessen. Und am Ende ist immer klar: Es ist alles nur ein Spiel. Der Sinn des Sports ist, dass er im Grunde keinen hat. Eine schöne Seifenblase, die richtig Freude macht.

Aber, wie immer im Leben: Es kommt auf die Dosis an. In diesen Wochen und Monaten blinken da ein paar Warnlampen auf. So ist der professionelle Sport in seiner Regelungswut etwa dabei, die letzten Spuren von Spontaneität und Humor zu verlieren. Und damit jene wunderbare Leichtigkeit, die etwa ein dörfliches Fußballspiel oder ein kleines Volleyballturnier so unverwechselbar macht. Wenn es um wenig mehr geht, als den Spaß mit anderen zu erleben und die Diskussion über Fehler schnell vergessen ist. Das kann glücklich machen – ist aber eben vom großen Zirkus des IOC, der Formel 1 oder gar der Fifa unendlich weit entfernt.

Der Sport ist eine herrliche Gefühlsmaschine; sie lässt zu, was unsere Kultur sonst so gern verbirgt: klare Freundschaft, bedingungslose Gegnerschaft und unverstellte Begeisterung. Wenn das jedoch, wie in immer mehr Fußball-Arenen zu erleben, in eine Art Ersatzgottesdienst umschlägt, wird es absurd. Es geht nicht um letzte Dinge, sondern um das letzte Tor. Der Sport verhebt sich, wenn er mehr will, als er sein kann: die nun wirklich schönste Nebensache der Welt.

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