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Leitartikel zum VW-Skandal Zurück zur Wahrheit

Volkswagen hat sich vom Volkstümlichen entfernt: In diesen Tagen ahnt man, dass das Bild des großen, mächtigen, aber auch wohlwollenden Autoherstellers ein Trugschluss gewesen sein könnte. Eine Analyse von Dirk Schmaler.

Der nüchterne Auftritt („Das Auto“), grundsolide Produkte, Gewerkschafter und sogar Minister im Aufsichtsrat, die guten Löhne: Manch einem erschien Volkswagen schon selbst wie eine große, mächtige, aber auch wohlwollende Behörde. Manchmal vielleicht etwas langweilig und bürokratisch, dafür aber mit einer derart strapazierfähigen DNA, dass selbst ein aufgedrehter Weltmarkt und der Anspruch, der größte Autohersteller zu werden, dieses Unternehmen nicht aus der Kurve tragen. In diesen Tagen ahnt man, dass dies in Teilen ein Trugschluss gewesen sein könnte.

Volkswagen hat sich vom Volkstümlichen entfernt. Der Diesel-Skandal weckt Zweifel: Ist die Seriosität des größten Autobauers Europas in manchen Bereichen nur Produkt einer geschickten PR-Strategie? Ist der grüne Anstrich mehr als eine Marketingkampagne? Wenn es darum geht, weltweit neue Absatzmärkte zu erschließen oder alte zu verteidigen, spielen die Wolfsburger oft genug nach ihren eigenen Regeln. VW-Manager treten im Ausland nicht weniger fordernd auf als Vertreter anderer großer Konzerne aus Deutschland. Und die Beachtung von Umweltstandards spiegelt VW zur Not durch manipulative Software im Motor vor, statt tatsächlich den Abgasausstoß zu drosseln. Weil es immer aufwendiger wird? Elf Millionen Fahrzeuge haben die Wolfsburger mit ihrem Betrugsprogramm ausgerüstet. Elf Millionen Kunden wurden getäuscht. Mit ausgefeilter Planung haben die Wolfsburger auch die Behörden hintergangen. Strafen, Schadensersatzansprüche und Absatzrückgänge durch diese unfassbare Torheit werden das Geschäft nun lange belasten.

VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, der sich immer wieder gern selbst als oberster VW-Ingenieur und Technikfreund ins Bild setzte, muss für dieses Stück deutscher Manipulationskunst in seinem Unternehmen die Verantwortung übernehmen. Eine Entschuldigung wird nicht reichen – es muss aufgeklärt werden, wer von der Betrugssoftware wusste. Der Automanager, der im Kampf mit Ferdinand Piëch gerade erst die Probe seines Lebens erfolgreich überstanden zu haben glaubte, droht nun ausgerechnet über sein Spezialgebiet zu stolpern: eine technische Finesse.

Man muss Unternehmen nicht mit moralischen Kategorien kommen, so wie man Moralphilosophen selten für Umsätze und Gewinne begeistern kann. Und doch ist es ein grundlegendes Problem, wenn Unternehmen ethische Fragen oder gar gesetzliche Regeln erst zur Kenntnis nehmen, wenn die Ermittlungsbehörden schon vor der Tür stehen. Korruptionsskandale bei Siemens und Daimler, Zinsmanipulationen und zwielichtige Hypothekengeschäfte bei der Deutschen Bank zeugen davon. Es wird höchste Zeit, dass die „Global Player“ aus Deutschland sich darauf besinnen, wofür die deutsche Wirtschaft weltweit eben auch steht: Seriosität und Verlässlichkeit. Das schützt die Kunden – und damit letztlich auch die Konzerne selbst.

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