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Und noch schnell die Welt retten?

Leitartikel Und noch schnell die Welt retten?

Die Zuwanderung von Flüchtlingen stellt Deutschland vor Probleme. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt: Wir werden das schaffen. Doch die Zuwanderung wird die deutsche Gesellschaft verändern. Harte Konflikte sind dabei nicht ausgeschlossen. Ein Leitartikel von Hendrik Brandt.

Wir werden das schaffen. So hat es die Kanzlerin mit Blick auf die große Zahl der Flüchtlinge gesagt, die derzeit ins Land kommen. Kurz und bündig. Schließlich, so ergänzen viele in diesen (Gedenk-)Tagen, haben die Deutschen doch schon zweimal nach dem Zweiten Weltkrieg gewaltige Integrationsleistungen vollbracht: bei den Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten wie bei der Vereinigung der beiden verbliebenen Nachkriegsstaaten, die an diesem Wochenende formal auch schon wieder 25 Jahre her ist. Wer also, wenn nicht wir? So könnte die Mutmacher-Frage in diesen Tagen lauten, in denen das Glück der deutschen Einheit auf die Herausforderungen durch die Teilung der Welt trifft. Wir schaffen das.

Wenn man nur wüsste, was sich hinter dem „das“ verbirgt. Was genau ist denn die Aufgabe, die nun zu schaffen wäre? Niemand kann es aktuell sagen. Nicht einmal die rein technische Dimension der Herausforderung ist klar; kein Mensch weiß, wie viele Hilfesuchende zu uns kommen werden. Die Unsicherheit reicht jedoch längst über die konkreten Fragen der Unterbringung Tausender Menschen für die kommende Nacht hinaus. Sie hat Grundfragen unserer Gesellschaft erreicht, Fragen nach dem Wie und Wohin. Angesichts der ebenso bedrückenden wie bedrängenden Herausforderung durch die Welt zeigt sich: Genau darauf ist Deutschland, das sich eben nie klar zur Einwanderung verhalten hat, sehr schlecht vorbereitet.

Hier geht es nicht mehr um fehlende Hallen, Zelte oder Gulaschkanonen. Am Ende auch nicht um Sprachlernklassen oder Ausbildung. Da wird sich auf mittlere Sicht immer eine Lösung finden lassen; das Land ist reich genug, die Hilfsbereitschaft ist ungebrochen. Das schaffen wir gewiss irgendwie. Aber Geld und Engagement allein nützen wenig, wenn es um den Punkt geht, den unser im Weltmaßstab so ungeheuer freies und reiches Land lange nicht ernsthaft diskutiert hat: Darf die womöglich millionenfache Zuwanderung in den kommenden Jahren unsere Gesellschaft, gar unser persönliches Leben konkret verändern? Wie weit soll das gehen? Und in welche Richtung?

Die mühsam erreichte und höchst schützenswerte Liberalität der Nation zeigt hier ihr Nachtgesicht. Sie ist derzeit kaum mehr in der Lage, Grenzen zu ziehen. Das gilt ganz praktisch auf der Straße oder Schiene wie im politischen Sinn. Es wäre ja zu hoffen, dass der Flüchtlingsstrom irgendwann an ein gewisses Ende kommt. Aber was ist, wenn nicht? Es wäre schön, wenn es reichte, den Zuwanderern zunächst das Grundgesetz und dann Arbeit und Wohnungen zu geben, um sie auf unsere Normen und Werte zu verpflichten. Auf unseren Umgang mit Erziehungs- und Geschlechterfragen, Religion, Meinungsvielfalt oder Minderheiten zum Beispiel. Und auf die Demokratie ohnehin. Aber ist das so einfach? Hat nicht etwa die Arbeitsmigration aus der Türkei gezeigt, dass es Generationen braucht, bis sich ein fruchtbares gesellschaftliches Miteinander entwickelt? Und dass es dabei auch harte Konflikte geben kann?

Wenn Deutschland wirklich die „Ehre Europas“ retten soll, wie es Finanzminister Wolfgang Schäuble vollmundig gesagt hat, wird es auch auf diese Fragen Antworten finden müssen. Am besten ehrliche. Denn das Land wird sich verändern – so oder so. Mag sein, dass Deutschland aus historischen wie materiellen Gründen derzeit ein Leuchtturm in Europa ist. Aber wer den Weg weist, sollte wissen, wohin er führen soll.

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