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Linksaußen für London

Kommentar Linksaußen für London

Der Altlinke Jeremy Corbyn ist per Urabstimmung zum neuen Chef der Labour-Party gewählt worden. Statt sich zu überlegen, wie sie in der Mitte der Gesellschaft wieder wählbar werden kann, setzt die Labour-Partei auf alte, längst überholte Positionen.  Ein Kommentar von Michael Pohl.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, in welch chaotischer Phase sich die britische Sozialdemokratie derzeit befindet, so ist er jetzt erbracht: Der Altlinke Jeremy Corbyn ist per Urabstimmung zum neuen Chef der Labour-Party gewählt worden. Statt sich zu überlegen, wie sie wieder in der Mitte der Gesellschaft wählbar werden kann, setzt die Partei auf alte, längst überholte Positionen.

Corbyn hat über Jahrzehnte sorgfältig sein Image eines extrem linken Politikers gepflegt. Er setzt sich für die Verstaatlichung von Betrieben ein, für einen Austritt aus der Nato und eine höhere Besteuerung reicher Bürger. Nichts von dem ist neu, vieles seit Langem als unrealistisch entlarvt. Dass Labour nun dennoch den 66-Jährigen Ideologen als Shootingstar feiert, sagt eine Menge über den maroden Zustand der Partei aus.

Corbyns Programm liest sich wie das Thesenpapier junger linker Gruppierungen. War die Partei mit ihrer 115-jährigen Geschichte nicht längst erwachsen geworden? Rund um die Jahrtausendwende gestaltete die damalige Labour-Regierung die wesentlichen Grundzüge der modernen britischen Politik – dazu gehörten der Mindestlohn, die massive Förderung der früheren Arbeiterregionen Nordenglands und eine nachhaltige Stärkung des staatlichen Gesundheitssystems NHS. Dazu gehörten aber auch eine moderne Wirtschaftspolitik und ein Bekenntnis zur Nato. New Labour nannte sich die Partei damals – und gewann mit Tony Blair drei Wahlen in Folge, zeitweise erdrutschartig.

Noch nie sind in Großbritannien Wahlen am Rande des politischen Spektrums gewonnen worden. Corbyn könnte Labour für die breite Mehrheit der Briten unwählbar machen. Er schiebt seine Partei zurück in eine Linksaußenposition – und damit vermutlich in Richtung Bedeutungslosigkeit.

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