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Martin Kind schadet seiner guten Idee

Analyse zu Hannover 96 Martin Kind schadet seiner guten Idee

Bei Hannover 96 sind die Differenzen inzwischen unüberbrückbar, die Kritik an Martin Kind wächst. Der 96-Boss hat es seinen Kritikern auch leicht gemacht. Er hat im Verein streng genommen keine Mehrheit mehr für seine Pläne – und setzt sie trotzdem unbeirrt um. Er schadet damit seiner guten Idee. Eine Analyse von Gunnar Menkens.

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96-Boss Martin Kind.

Quelle: dpa (Archiv)

Hannover. Wer sich umhört im Stadion von Hannover 96 erfährt schnell, was die Zuschauer auf den Tribünen im Westen und Süden im Ernst interessiert: Profi-Fußball im Konzert der Großen statt vierter Liga auf morschen Holzbänken. In diesen Tagen geht es jedoch kaum um Profisport, sondern um die Macht im Club Hannover 96, der längst auch eine Unterhaltungsfirma unter diesem Namen hervorgebracht hat. Boss auf beiden Seiten ist Martin Kind - und seine Gegner werden zahlreicher. Zum Wochenende haben sie viel Papier an Medien durchgesteckt, der Machtkampf geht in die nächste Runde. Womöglich ist es die entscheidende.

Die aktuelle Lage im Schnelldurchlauf: Ein 96-Aufsichtsratsmitglied will verhindern, dass Investor Kind endgültig und mit Erlaubnis der Deutschen Fußball-Liga (DFL) Alleinherrscher im Verein wird. Sein kaum ummantelter Vorwurf gegen den Mutterverein: Untreue. 96 prüft im Gegenzug, dieses Mitglied gerichtlich zu belangen. Parallel kursiert ein Papier der DFL, demzufolge Kind zu wenig investiert haben soll, um den Verein, wie geplant, nach 20 Jahren Engagements zu übernehmen. Und überall werden Rücktritte gefordert.

Bei 96 scheinen die Differenzen inzwischen unüberbrückbar. Um es mit einem Kalauer zu sagen: Könnte Martin Kind über Wasser laufen, würde die Opposition rufen, der Präsident könne nicht schwimmen. Irgendein Vorwurf findet sich immer, wenn der Fußball eine weitere Stufe Richtung Wirtschaftsunternehmen nimmt. Und vieles daran kann man ja tatsächlich kritisieren. Aber die Richtung stimmt.

Der Präsident, als Unternehmer gewohnt, allein zu entscheiden, hat es seinen Kritikern indes zu leicht gemacht. Kind führt Hannover 96 nach einem Herrschaftsmodell, das der Philosoph Jürgen Habermas „autoritären Legalismus“ genannt hat. Es bedeutet, Gesetze ihren Buchstaben nach einzuhalten, ohne zu berücksichtigen, dass sich in der Gesellschaft neue Sichtweisen entwickelt haben. Daraus entstehen Konflikte. Martin Kind hat im Klub streng genommen keine Mehrheit für seine Pläne. Auf einer Mitgliederversammlung im April stimmten 60 Prozent dagegen - allerdings wären 66 Prozent nötig gewesen. Kind genügte das, die Wut wuchs. Dann lehnte der Verein 119 Mitgliedsanträge ab. Ohne Begründung. Weiterhin weigert sich Kind mitzuteilen, wie viel Geld genau er investiert hat. Niemand kann ihn zwingen.

Der Präsident des größten niedersächsischen Vereins hat sich eingegraben. Er schadet seiner guten Idee: 96 zum Modell-Unternehmen umzubauen - zum Nutzen des Vereins wie des Profisports. Bei dem Geldgeber eben mehr Sicherheit brauchen als ein Verein geben kann. Kind hat keine Lust mehr, das immer wieder zu erklären. Damit aber verprellt er nicht nur ein paar Extremfans - sondern verstört immer öfter auch jene, die einfach nur guten Fussball sehen wollen.

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