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Saskia Döhner über den Freien Elternwillen Mehr Zeit bitte

Eine Empfehlung ist eine Entscheidungshilfe. Doch die Laufbahnempfehlungen in Niedersachsen am Ende der vierten Klasse sind schon jetzt viel mehr als das: Sie sind ein Urteil über die schulische Zukunft eines Kindes, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz.

Wenn ein Gymnasiast am Ende der sechsten Klasse sitzen bleibt und auch bei einer Wiederholung des Schuljahres keine Besserung zu erwarten ist, kann die Klassenkonferenz ihn mit einer Zweidrittelmehrheit zwingen, auf eine Realschule zu wechseln. Entscheidend ist, welche Laufbahnempfehlung der Gymnasiast zuvor hatte. Wer eine Gymnasialempfehlung hat, ist klar im Vorteil. Er darf bleiben. Wer die Empfehlung für eine Haupt- oder Realschule hat, muss in der Regel gehen.

Jetzt wollen CDU und FDP in Niedersachsen Kinder, die auf dem Gymnasium oder der Realschule nicht zurechtkommen, schon nach einem Jahr wieder wegschicken können. Ihre Begründung: Man möchte den Schülern zwei oder drei Jahre Frust ersparen – und wer sich später doch noch verbessere, könne ja wieder auf die höhere Schulform zurückkommen. Wer so argumentiert, vergisst, dass jeder Wechsel Stress bedeutet und das Ziel für ein Kind nicht sein kann, möglichst viele Schulen besucht zu haben.

Kinder brauchen eine Atempause

Fünftklässler haben schon genug damit zu tun, sich erst mal im unübersichtlichen System Gymnasium mit Fachlehrern, langen Unterrichtstagen, neuen Fächern und übervollen Klassen zurechtzufinden. Wie kann man da auf die Idee kommen, ihnen noch zusätzlich Leistungsdruck aufzubürden? Wer erlebt hat, wie schon Drittklässler fragen: „Komme ich mit einer Drei in Kunst noch aufs Gymnasium?“, der gönnt Zehnjährigen gern mal eine Atempause.

Hinzu kommt, dass sich das Land hier eigentlich gar nicht einmischen müsste. Denn von einem Missbrauch des freien Elternwillens spricht niemand. Davon sprechen nicht einmal die Politiker, die ihn jetzt einschränken wollen. Grundschullehrer und Eltern sind sich in den meisten Fällen ja einig, was die Zukunft der Kinder angeht. Die Pädagogen machen sich die Entscheidung darüber, welcher Schüler aufs Gymnasium kommen könnte und wer lieber zur Hauptschule sollte, nicht leicht. Und bei den Eltern ist dies nicht anders. Wer im ständigen Gespräch steht, weiß auch den Rat der Gegenseite zu schätzen.

Zusätzliche gesetzliche Vorschriften erschweren den Dialog zwischen Lehrern und Eltern allenfalls. Helfen werden sie jedenfalls nicht. Und ungeliebte Schulformen wie die Hauptschule lassen sich so auch nicht retten. Eltern werden immer einen Weg finden, ihre Kinder nicht dorthin schicken zu müssen: indem sie sich für Gesamtschulen entscheiden – oder dem staatlichen System ganz den Rücken kehren.

Keine Chance für Spätentwickler

Zudem sind frühe Prognosen schwierig. Wer weiß schon wirklich, was aus einem Zehnjährigen einmal wird? Die Laufbahnempfehlung ist eine Momentaufnahme der ersten Schuljahre. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Spätere Entwicklungen kann sie nicht vorausahnen. Umso fataler, wenn die Empfehlung aus der Grundschulzeit noch weitreichende Folgen für die Zeit am Gymnasium oder an der Realschule hat. Wohl dem, dessen Kinder sich von der ersten Klasse an geradlinig entwickeln. Aber was ist mit den Eltern, deren Töchter oder wohl häufiger noch deren Söhne sich in Schüben oder im Zickzackkurs mausern?

Niedersachsen kann stolz sein auf seinen freien Elternwillen. Und die Politiker sollten sich hüten, ohne Not daran zu rütteln. Denn bis heute fehlt eine Statistik, die belegt, dass Kinder, die eine Schule besuchen, für die sie keine Empfehlung hatten, sich schlechter schlagen als andere. Im Gegenteil: Die vorhandenen Untersuchungen besagen, dass es keine wesentlichen Unterschiede gibt und eine Laufbahnempfehlung nicht über den späteren Schulerfolg entscheidet.

Sicher gibt es Eltern, die ihre Sprösslinge völlig überfordern und in vermeintlich guter Absicht – „Abitur ist das Beste für mein Kind“ – auf eine Schule schicken, auf der die Kinder nur Frusterlebnisse haben. Hier müssen Lehrer und Schulleiter gegensteuern können, aber nicht per Zwang oder Klassenkonferenzbeschluss, sondern im Einvernehmen mit den Eltern. Und in den meisten Fällen klappt das ja auch. Man braucht kein Gesetz für den Ausnahmefall, das nur Misstrauen zwischen Eltern und Lehrern schürt. Wer wirklich das Wohl des Schülers im Auge hat, der sollte ihm Zeit geben – Zeit, sich zu entwickeln und den für ihn passenden Weg zu finden.

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Schulwahl
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