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Die „Bürgerwehr“ gibt's nur im Netz

Unterm Strich Die „Bürgerwehr“ gibt's nur im Netz

Immer mehr Menschen fragen, wie ihre Kommune die Flüchtlingskrise bewältigen soll. Das ist verständlich und vernünftig. Anders als vieles andere, was dieser Tage durchs Internet geistert, meint HAZ-Redakteur Felix Harbart.

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Die Gruppe öffentliche Gruppe der "Bürgerwehr" Hannover bei Facebook hat mehr als tausend Mitglieder. Zum Gründungstreffen in der Stadt kamen aber nur wenige.

Quelle: Facebook/Screenshot

Fred Kasulzke hatte ewig Ärger mit dem Geld, doch an Einfallsreichtum fehlte es ihm nicht“, sang Reinhard Mey 1966 in seinem Lied „Die Ballade vom sozialen Aufstieg“. Darin geht es um den Fleischermeister Fred Kasulzke, der eines Tages eine Geschäftsidee hat: „Für die Meinung Freizeit opfern will doch heute kein Mensch mehr. Gar bei Regen demonstrieren? Mann, wo kommen Sie denn her! Und so ruft man, ohne, dass man seine Schuhe strapaziert: Fünfundzwanzig, null, null, dreißig, Fred Kasulzke protestiert!“

Vielleicht hätten sie Fred Kasulzke anrufen sollen, die Organisatoren der sogenannten „Bürgerwehren“, die sich eigentlich in dieser Woche in Hannover hatten gründen wollen. Im Internet hatten sie noch großen Zuspruch gefunden. Hunderte Menschen hatten sich dort ihren Facebook-Gruppen angeschlossen und damit zum Ausdruck gebracht, dass man nun der Staatsmacht nicht mehr vertrauen und seine Sicherheit in die eigenen Hände nehmen werde. Es wirkte, als komme da eine große Bewegung auf Hannover zu. Und dann? Kam zum ersten Treffen ein knappes Dutzend, das zweite wurde gleich abgesagt.

Lautes Internet, leise Welt draußen

Seit den Vorfällen der Silvesternacht versuchen Politiker, Behörden und Medien verzweifelt, die Stimmung in der Bevölkerung in Sachen Flüchtlinge auszuloten. Kippt sie oder kippt sie nicht? Und wenn ja: wohin? Ist alle lang gepriesene Willkommenskultur von jetzt auf gleich brüsker Ablehnung gewichen? 

Surft man durch das Internet, kann man diesen Eindruck bekommen. Bei Politikern oder Medien, die eigene Facebook-Seiten oder Nachrichtenportale betreiben, verstärkt sich dieser Eindruck noch. Denn bei ihnen können alle, die den Untergang Deutschlands beschwören wollen, das mit einem Mausklick tun. Oft mit erschreckenden Formulierungen und meist ohne echten Absendernamen. Das macht dann schon Eindruck. Digital zumindest.

Aber draußen in der Welt? War es den Hunderten, die die Idee einer „Bürgerwehr“ im Internet unheimlich gut fanden, abends auf der Straße offenbar einfach zu kalt. Anders als denen übrigens, die seit Monaten haupt- oder ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe mittun. Die sind noch da. Nur sind sie leiser.

Bedürfnis nach Antworten

Was die Region Hannover betrifft, so zeichnen sich in diesen Tagen zwei Entwicklungen ab: Zum einen haben die Menschen mehr Fragen dazu, ob die Kommunen das wirklich noch schaffen können. Sie stellen diese Fragen auf Informationsveranstaltungen der Gemeinden, und das zu Recht. Zu spüren ist dieses Bedürfnis nach befriedigenden Antworten bis in die Bundespolitik, die sich nach langem Zank jetzt endlich zu regen beginnt. Das ist die konstruktive Art, mit Problemen in der Flüchtlingspolitik umzugehen.

Zum anderen kommen auch in der Region jetzt die aus ihren Löchern, die mit ihrer Ideologie hier in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel Anklang gefunden haben. Auf Bürgerversammlungen, etwa in Burgdorf, zeigen Rechtsextreme offen und provokant Präsenz, und wenn nicht alles täuscht, haben Ausländerfeinde in Barsinghausen in dieser Woche zwei Brände gelegt. Das alles schockiert viele Menschen, und es entfaltet eine gewaltige mediale Wucht. Gleichwohl ist die Gruppe, die dafür verantwortlich ist, nach Ansicht von Experten nach wie vor klein.

Die AfD in Barsinghausen hat unterdessen die Demonstration gegen den ersten Brandanschlag als „hysterische Mobilmachung“ kritisiert, die den zweiten erst provoziert habe. Darauf muss man erstmal kommen. Übrigens: Sie hat das im Internet getan.

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