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Wie konnte es zu dieser Radikalisierung kommen?

Messerattacke am Hauptbahnhof Wie konnte es zu dieser Radikalisierung kommen?

Es muss sehr viel schiefgelaufen sein, bis es so weit kommen konnte: Ein 15-jähriges Mädchen verhält sich wie eine Terroristin. Nicht im Nahen Osten, in Nordafrika oder Afghanistan. Sondern zur Rushhour im hannoverschen Hauptbahnhof. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

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Messerattacke im Hauptbahnhof: "Es muss sehr viel schiefgelaufen sein, bis es so weit kommen konnte."

Quelle: Elsner

Es ist eine seltsame Nachricht. Im Grunde ist sie unglaublich – und gehört doch zu unserem Alltag: Eine jugendliche Gymnasiastin, die in Hannover aufgewachsen ist, hat im Hauptbahnhof einen Polizisten niedergestochen. Kaltblütig und offensichtlich mit dem Ziel, ihn zu töten. Einfach deshalb, weil er Polizist in diesem Land ist. Und weil sie – nach allem, was wir wissen – eine solche Tat im religiösen Wahn für legitim hält. Ein 15-jähriges Mädchen verhält sich wie eine Terroristin. Nicht im Nahen Osten, in Nordafrika oder Afghanistan. Sondern zur Rushhour im hannoverschen Hauptbahnhof.

Es muss sehr viel schiefgelaufen sein, bis es so weit kommen konnte. Und es wäre viel zu einfach, jetzt wieder pauschal mit der Überforderung Deutschlands durch die Zuwanderung zu kommen. Man kann theoretisch so argumentieren, würde damit aber keines der praktischen Probleme lösen. Die Gewalttäterin hat eine marokkanische Mutter – und das ist es dann auch. Ihre offenkundige Fehlentwicklung lässt sich nicht an die Welt da draußen delegieren. Sie ist hier passiert, mitten unter uns.

Umso merkwürdiger ist es, dass sich nun manche, die mit der Täterin zu tun hatten, sehr schnell für unzuständig erklären. Ganz gleich, ob es ihr muslimisches Umfeld oder die Schule ist, die sie besucht hat – auf Fehlersuche will hier wie dort offenkundig so recht niemand gehen. Achselzucken und Schweigen überall. Man habe damit im Grunde überhaupt nichts zu tun, heißt es. Fingerzeige richten sich stattdessen aufs Elternhaus.

Das ist ja auch nicht falsch. Wer seinen Nachwuchs in Videos von Hasspredigern zum Kinderstar avancieren lässt, muss sich schon fragen lassen, ob die Grundlagen unseres Zusammenlebens eigentlich irgendwie verstanden worden sind. Hier geht es ja nicht um eine möglicherweise abseitige, aber im freiheitlichen Staat immer noch tolerierte Religionspraxis, sondern um einen Angriff auf genau diese Freiheit selbst. Hier ist die Toleranz zu Ende.

Aber gerade weil die erzwungene oder freiwillige Radikalisierung dieses Kindes in Teilen ganz öffentlich vor sich ging, stellen sich doch brennende Fragen an Sozialarbeiter, Lehrer und sogar Verfassungsschützer: Haben sie hinreichenden Kontakt in die Parallelgesellschaft, in der das Kind zum Teil gelebt haben muss? Wissen sie, was da vorgeht und wann es Zeit zum Eingreifen ist? Warum dauert es Tage, bis die Staatsanwaltschaft merkt, wen sie da in Untersuchungshaft hat? Fehlt es am Wissen, am Können – oder am Interesse?

Wir sprechen aus guten Gründen derzeit viel über Integration. Im Grunde ist klar: Sie wird ein Geben und Nehmen auf allen Seiten sein müssen – mit dem Grundgesetz als festem Fundament. Das ist langwierig und sicher nicht spannungsfrei. Aber: Deutsche wie Zuwanderer müssen dabei peinlich genau auf die wenigen Extremisten achten. Damit sich niemand im religiösen Wahn ins Abseits von Hass und Gewalt katapultiert. Gute Integrationsarbeit – auch in Moscheen, Schulen und dem Jugendamt – ist somit auch ein Beitrag zu unserer Sicherheit. Der aktuelle Fall zeigt einmal mehr: Die Antwort auf die Frage nach unserer Freiheit werden wir auch weit jenseits der Polizeiarbeit suchen müssen. Und offenbar geht das erst los.

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