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Mit dem Knüppel 
zum Konsens

Analyse zu den Griechenland-Verhandlungen Mit dem Knüppel 
zum Konsens

Viele haben daran mitgewirkt, dass es in der Griechenland-Krise einen Konsens gibt. Merkel ist zu mehr Solidarität, Tsipras zu mehr Solidität bereit: Das ist eine neue Chance für Europa. Eine Analyse von Matthias Koch.

Diplomatie liegt nicht allein im Austausch höflicher Worte. Von Theodore Roosevelt stammt die Empfehlung „speak softly and carry a big stick“: Sprich freundlich und bring einen großen Knüppel mit.

Die Deutschen schwangen ihre Keule nicht öffentlich. Es genügte, dass Wolfgang Schäuble das dicke Ding zu Beginn der Griechenland-Verhandlungen unter dem Tisch ablegen ließ – und per Indiskretion dessen Format beschrieb. Man könne ja, lautete die Botschaft, Griechenland mal für fünf Jahre aus der Euro-Zone ausschließen. Das wollte Premier Alexis Tsipras nicht, das will auch die Mehrheit der Griechen nicht. Nach 17 Stunden war Tsipras bereit, unten rechts zu unterschreiben, was man ihm hinschob, sogar die Übertragung von Staatsvermögen an eine Treuhand. Auf den künftigen Willen wankelmütiger griechischer Institutionen kommt es, das ist neu, nicht mehr an. Damit werden Griechenland-Hilfen jetzt auch in jenen Parlamenten wieder mehrheitsfähig, die eben noch sehr skeptisch waren, einschließlich des Bundestages in Berlin.

Vielerorts heißt es jetzt: Aua, Berlin hat Griechenland auf schmerzliche Art diszipliniert. Richtig ist: Der Konsens, den Angela Merkel am Montagmorgen verkündete, hat sich nicht von selbst ergeben. Viele haben daran mitgewirkt, übrigens auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der in den entscheidenden Stunden auf Regierungslinie blieb; schwächere Naturen bei den Grünen waren zur gleichen Zeit schon völlig durch den Wind und twitterten, die Berliner wollten Europa jetzt an die Wand fahren.

Ein Abgrund wurde sichtbar, das ist wahr. Aber es wurde auch ein Deal gefunden, einer, der im Grunde seit Monaten nahelag. Merkel ist zu mehr Solidarität, Tsipras zu mehr Solidität bereit – und in beidem liegt eine gute Nachricht für Europa.

Widerlegt sind jetzt die neunmalklugen Grexit-Propheten aus den Talkshows, vom liberalen Wirtschaftsprofessor bis zum linken Oskar Lafontaine. Man konnte doch ahnen, dass im Zurück zur Drachme wohl nicht die Zukunft liegt. Blamiert stehen übrigens auch jene Boulevardmedien da, denen es gefiel, dass die Völker lange aufeinander einschlugen. „Nein – Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“, lautete eine unvergessene „Bild“-Schlagzeile.

Gierige Griechen? Das Rentenalter steigt, die Besteuerung wird strenger, Staatsvermögen wird verkauft, die EU wird sehr genau hinsehen. Und Tsipras, der Linke, muss dies seinen Griechen erklären, so wie Gerhard Schröder den Deutschen einst die Arbeitsmarktreform erklärt hat und Merkel den Atomausstieg. In all dem liegt eine neue Chance. Griechenland ist, nach einigen Wirren, seit dem Morgen des 13. Juli 2015 ironischerweise sogar enger mit der EU verbunden denn je. Für die Härte, mit der Berlin zu diesen Ergebnissen beitrug, werden heutige junge Griechen vielleicht eines Tages noch dankbar sein.

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