Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Mit gutem Willen - und echten Chancen
Nachrichten Meinung Mit gutem Willen - und echten Chancen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 18.04.2016
Von Jörg Kallmeyer
Anzeige
Hannover

Ein Familienvater aus Syrien wollte in einer oberbayerischen Kleinstadt einen Imbiss eröffnen. Die Idee war gut, die Hürden aber schienen unüberwindbar. Welche Bank leiht einem Flüchtling schon das nötige Startkapital? Eine Bürgerin der Stadt sprang privat mit einem Kredit ein. Heute, zwei Jahre später, feiert man in Gars am Inn eine Erfolgsgeschichte: Der Imbiss läuft gut, das Geld ist zurückgezahlt - und die Flüchtlingsfamilie spricht Deutsch.

Die kleine Geschichte aus Bayern verrät viel über das große Thema Integration, dem sich Deutschland jetzt stellt: Die Eingliederung in eine fremde Gesellschaft und Kultur gelingt nur mit viel gutem Willen. Auf beiden Seiten.

Die Bundesregierung pocht nun vor allem auf die Bereitschaft der Ankommenden, sich den Regeln und Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen. Das ist politisch verständlich. Gut eine Million Flüchtlinge sind allein im vergangenen Jahr hier angekommen. Die eher diffuse Sorge vor einer Überforderung der Gesellschaft hat sich bei vielen Deutschen zur konkreten Angst ausgewachsen. Dieser tritt die Koalition mit einem Gesetzespaket entgegen, das die Förderung von Migranten bei der Integration mit konkreten Forderungen an die Zuwanderer verbindet: Der Besuch von Integrationskursen und das Erlernen der deutschen Sprache werden zur Pflicht.

Die Signale sind gesetzt. Niemand aber sollte so tun, als stehe man beim Thema Integration ganz am Anfang. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich einfache Lösungen nicht bewährt. Warum sollte das jetzt anders sein? Die nun geplante Zuweisung eines Wohnortes durch den Staat ist nicht nur unter juristischen Gesichtspunkten fragwürdig. Ja, man möchte und sollte Gettos vermeiden. Aber in der langen Geschichte der Migration haben sich Flüchtlinge und Auswanderer in der ersten Zeit immer auch in ihren vertrauten Netzwerken geholfen. Im Einwanderungsland USA gehören „eigene“ Viertel von Italienern, Polen oder Chinesen zur Erfolgsgeschichte des Projekts Integration.

In Deutschland möchte man Flüchtlinge aus den Städten aufs zunehmend verwaiste Land schicken. Aber was sollen sie auf den Dörfern machen? Die jungen Deutschen wandern dort schließlich nicht nur deshalb ab, weil es in der Stadt schöner ist. Viele ländliche Regionen bieten den Jugendlichen nicht genug Perspektiven: Es mangelt an attraktiven und zukunftssicheren Arbeitsplätzen, es fehlen gute Bus- oder Bahnverbindungen, der Weg zum nächsten Gymnasium oder gar zur Hochschule ist weit.

Dass Flüchtlinge nun auf dem Land ihr Heil suchen sollen, könnte also ein fataler Irrweg sein. Die Erfahrungen mit der Integration zeigen: Der gute Wille allein reicht nicht aus. Es kommt auch darauf an, konkrete Chancen zu eröffnen. Integriert ist in der Regel derjenige, der bei uns Arbeit gefunden hat. Und da wird nicht immer der eigene Imbiss und der private Kredit die Lösung sein.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Meinung Leitartikel zur A20 - Küstenautobahn ins Nirgendwo

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sieht beim wichtigsten Abschnitt der gesamten A20-Strecke, dem Tunnel zwischen Drochtersen und Glückstadt, noch offene Fragen. Sollte der Tunnel vor Gericht scheitern, wäre es ein Debakel, nicht nur für die Autobahn, sondern auch für den Föderalismus in Deutschland. 

16.04.2016

In Deutschland können Arzeneimittelhersteller neue Präparate zu willkürlichen Preisen abrechnen, wenn sie mehr helfen als altbekannte Mittel. Die Politik hat die Zeitspanne dafür auf ein Jahr begrenzt. Ein erneutes Eingreifen ist angesichts der Dreistigkeit einiger Firmen aber notwendig. Ein Kommentar von Jens Heitmann.

Jens Heitmann 15.04.2016

In Deutschland gibt es die üppigste Rentenerhöhung seit 20 Jahren. Darüber vergessen die meisten die drohende Rentenkrise. Die Nullzinssituation wird die Auszahlungen aus Lebensversicherungen oder Betriebsrentenkassen zusammenschrumpfen lassen. Nicht nur in Deutschland. Es ist eine Gefahr für die moderne Finanzwelt. Ein Kommentar von Matthias Koch.

15.04.2016
Anzeige