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Nicht an Merkel und Gabriel denken

Kommentar Nicht an Merkel und Gabriel denken

Offiziell haben weder CDU noch SPD ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2017 bekanntgegeben. Doch warum sollten sich Angela Merkel und Sigmar Gabriel so viel Mühe mit ihren Kritikern geben, wenn sie nicht antreten wollen? Ein Kommentar von Matthias Koch.

Wer tritt 2017 für die Union, wer für die SPD als Kanzlerkandidat an? Beide Seiten betonen, es sei noch nichts entschieden. Bei der Annäherung an eine Klärung hilft aber ein kleines meditatives Experiment. Schließen Sie die Augen. Denken Sie eine Minute lang an die beiden Parteien. Und vermeiden Sie – wegen der fehlenden offiziellen Festlegung –, dass Ihre Gedanken um Angela Merkel und Sigmar Gabriel kreisen.

Wundern Sie sich nicht, wenn Ihre Gedanken dann doch bei Merkel und Gabriel landen. Psychologen und Hirnforscher finden das sogar logisch: Hat jemand die Hirnareale besetzt, steht er den Menschen deutlich vor Augen – allen nur verbal hinzugefügten Verneinungen und Relativierungen zum Trotz. Der fortdauernde Schleiertanz in der ­K-Frage hat daher längst nichts Rätselhaftes mehr, er ist eher amüsant. Klarer denn je sind in diesen Tagen die Konturen derer erkennbar, die sich da noch umständlich zu verhüllen versuchen.

Warum sollte Merkel, wenn ihr die Meinung der Masse inzwischen egal wäre, demütig über Fehler in ihrer Flüchtlingspolitik sprechen? Sich gar vor laufenden Kameras wünschen, sie könne „die Zeit zurückspulen“? Ihr neuer Ton könnte die Debatte beruhigen, auch bei Reizthemen wie der von der CSU verlangten Obergrenze. Merkel sagt neuerdings, sie wolle keine „statische“ Obergrenze. So beginnt, das ist Politik, die Aufweichung vermeintlich unüberwindlicher Gegensätze. Satiriker sollten schon mal Stift und Papier bereitlegen. Wie wäre es mit einer „dynamisch-rollierenden Kontingentlösung“? Fest steht jedenfalls: Merkel müsste sich gar nicht so viel Mühe geben mit ihren Kritikern, wenn sie 2017 nicht antreten wollte.

Gleiches gilt für Gabriel. Beim Kanada-Abkommen hat er seine SPD durch den brennenden Reifen springen lassen. Der Tiger fauchte, tat aber wie geheißen. Wochenlang war zuvor in Talkshows getrommelt worden, es könne beim Konvent ein Nein geben – und damit auch ein Nein zum Vorsitzenden und dessen Kanzlerkandidatur. Umso besser ist jetzt der Effekt für Gabriel. Der Streit brachte anfangs unschöne Szenen; schon die Vorratsdatenspeicherung hatte Gabriel bei seinen Sozis nur mühsam durchgedrückt. Doch tritt man ein paar Meter zurück, erscheint ein stimmiges Gesamtbild. Punkt für Punkt zähmt Gabriel als Parteichef den linken Flügel, bevor er als Spitzenkandidat auf die Bühne geht. In dieser Reihenfolge machte es einst auch Tony Blair: Vorab erzielte Klärungen ersparten ihm in zehn Regierungsjahren manchen Ärger mit seiner Partei.     

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