Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Niemand braucht eine Gesamtschule light

Schuldebatte Niemand braucht eine Gesamtschule light

Hannovers Schulpolitiker wollen die verbliebenen Haupt- und Realschulen mal eben zu kleinen Gesamtschulen machen. Das ist pädagogisch unsinnig und geht an den Interessen von Schülern und Eltern vorbei, meint Saskia Döhner.

Die offenbar unendliche niedersächsische Schuldiskussion erreicht in Hannover eine neue Phase: Die Stadt will nun aus Haupt- und Realschulen am liebsten kleine Gesamtschulen machen. Drei Klassen pro Jahrgang, ausnahmsweise sogar zwei Züge sollen möglich sein, fordert der Schulexperte der SPD-Ratsfraktion, Michael Klie. Gesamtschule light. Gute Idee, könnte man denken. Je kleiner die Schule, desto besser der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern. Außerdem könnten auf diese Weise schnell die vielen fehlenden IGS-Plätze geschaffen werden, die Hannover wohl brauchen wird, wenn allen Interessierten im nächsten Schuljahr ein Platz in dieser Schulform garantiert werden soll. So will es das Land ja.

Sieht man genauer hin, erkennt man jedoch eine fatale Fehleinschätzung. Ganz gleich, ob es um eine Grundschule auf dem Dorf oder eine IGS in der Stadt geht: Als Zwergschulen haben sie keinen Sinn. Sie sind chronisch unterbesetzt, schmoren im eigenen Saft. Bei einer IGS käme hinzu, dass ein ordentliches Oberstufenangebot oder ein umfassendes Ganztagsprogramm in Mini-Schulen auch kaum zu realisieren wäre. Nach der Definition der Landesschulbehörde ist eine Schule mit weniger als zwölf Kindern keine Schule mehr, sondern nur noch eine „Ansammlung von Lernwilligen“. Aber zu klein zum Lernen sind Schulen schon weit eher. Kommunen quälen sich zuweilen mit dieser Erkenntnis – eine Gemeinde oder ein Stadtteil ohne weiterführende Schule hat ein Problem, ein Dorf ohne Grundschule kommt für viele einer Katastrophe gleich.

Dennoch spricht zweierlei gegen die Pläne der Stadt. Zum einen die pädagogische Vernunft, zum anderen das Schulgesetz. Das Prinzip gerade der Integrierten Gesamtschulen setzt darauf, dass Gymnasialschüler mit Haupt- und Realschülern gemeinsam lernen. Wo aber bleibt das Gymnasialklientel, wenn frühere Haupt- und Realschulen einfach mal zur IGS umbenannt werden? In vielen der Gesamtschulen, die nach der Aufhebung des Neugründungsverbots in Niedersachsen an den Start gegangen sind, wird hinter den Kulissen darüber geklagt, wie schwierig es sei, Gymnasialschüler zu gewinnen. Die alten IGSen aus den Siebzigerjahren haben dieses Problem weniger.

Oft fehlen in den Gebäuden, in denen vorher Haupt- und Realschulen untergebracht waren, sogar die räumlichen Voraussetzungen für integrierten Unterricht. Nicht überall ist es so schlimm, wie in Langenhagen, wo nach den Sommerferien rund 1000 Gymnasiasten und IGS-Schüler gleich ganz ohne Dach über dem Kopf dastehen werden: Ihr Schulzentrum muss wegen eines erst nach Jahrzehnten entdeckten Bau-pfuschs nun schnell abgerissen werden. Doch selbst dort, wo Gebäude vorhanden sind, gibt es längst nicht immer auch eine geeignete Lernumgebung.

Hannovers Mini-IGS-Plan ändert daran nichts. Sicher, das Land erlaubt die Gründung von dreizügigen Gesamtschulen – aber nur als Ausnahme auf dem flachen Land. Was das mit Hannover zu tun haben soll, bleibt das Geheimnis der SPD. Eine IGS mit weniger als vier Klassen pro Jahrgang muss in der Oberstufe zur Schmalspurschule werden – warum sollte das ein Fortschritt sein?

Richtig ist, dass in diesem Schuljahr nur noch drei Prozent der hannoverschen Eltern ihr Kind auf einer Hauptschule angemeldet haben. Zehn Prozent der Familien entschieden sich für eine Realschule – aber 49 Prozent wählten das Gymnasium und 38 Prozent die Gesamtschule. Darauf kann man mit der Ausrufung von Klein-IGSen reagieren. Oder sich andererseits mal Gedanken machen, wie die verblieben Haupt - und Realschulen, die gute Arbeit leisten, gestärkt und gestützt werden können. Wer auf mehr Elternakzeptanz hofft, nur wenn er ein anderes Namensschild an die Tür hängt, der irrt sich.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung