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Prozente sind längst nicht mehr alles

Leitartikel Prozente sind längst nicht mehr alles

Die Industriegewerkschaften scheinen zu ahnen, dass bei den Prozenten diesmal nicht viel Luft ist: Die Forderungen nach mehr Lohn fallen moderat aus. Uneinigkeit herrscht indes bei den Plänen zum Umgang mit dem Fachkräftemangel. Es wird spannend zu sehen, welches Modell am Ende als Vorbild für andere Branchen dienen kann.

Der Winter, das sagt jede Gewerkschafterfibel, ist die schlechteste aller Jahreszeiten für Arbeitskämpfe. Bei Regen und Schnee fällt die Mobilisierung traditionell etwas schwerer. Aber die Laufzeiten der Tarifverträge sind eben, wie sie sind – und führen in diesem Jahr zu einer Ballung von Verhandlungen und sie begleitenden Warnstreiks ausgerechnet in den kältesten Monaten.

Wenn sich heute die Tarifpartner im Süden zur ersten Verhandlungsrunde in der Metall- und Elektroindustrie treffen, dann geben sie den Startschuss für eine Tarifbewegung, die sich auf Löhne und Arbeitsbedingungen von mehr als sechs Millionen Beschäftigten auswirken wird. In schneller Abfolge starten danach die Gespräche in der Chemieindustrie, bei Volkswagen und schließlich im öffentlichen Dienst der Länder. Vor allem im Februar und März werden sie sich überlagern, wechselseitig beeinflussen und selbst für Unbeteiligte spürbar werden – wenn am selben Tag Landeskrankenhäuser auf Notversorgung umstellen, angestellte Lehrer in den Ausstand treten und Teile der Innenstädte gesperrt werden müssen, weil die IG Metall Tausende auf die Straße treibt.

Bei den Forderungen unterscheiden sich die Gewerkschaften in diesem Jahr kaum – zumindest, was das Finanzielle angeht. Als Konsens haben sich 5,5 Prozent durchgesetzt. Sowohl IG Metall als auch Verdi haben sich die Zahl bereits auf die Fahnen geschrieben, die IG BCE wird in der Chemie leicht darunter bleiben. Angesichts weit höherer Forderungen in den vergangenen Jahren klingt das auf den ersten Blick nicht viel. Allerdings wären gewaltige Steigerungen auch nicht zu begründen.

Lohnerhöhungen sollen in erster Linie dem Inflationsausgleich dienen und erreichte Produktivitätssteigerungen abbilden. Nur: Ersterer nähert sich gerade der Nulllinie, und Letztere bewegen sich vielleicht bei etwas mehr als einem Prozent. Hinzu kommt, dass Deutschland in den vergangenen Jahren bei der Reallohnentwicklung kräftig aufgeholt hat – die Tarifgehälter also deutlich schneller stiegen als die Inflation und die Saläre im europäischen Nachbarland.

Zumindest die Industriegewerkschaften scheinen zu ahnen, dass bei den Prozenten diesmal nicht viel Luft ist. Auch deshalb haben IG Metall und IG BCE Forderungen aufgestellt, die sich vor allem mit der Bewältigung des demografischen Wandels beschäftigen. Die Metaller wollen ihrer Klientel weiterhin einen frühen Ausstieg über Altersteilzeit ermöglichen, gleichzeitig dem Nachwuchs aber über eine „Bildungsteilzeit“ einen schnelleren Aufstieg ermöglichen. Die IG BCE will Ältere länger im Betrieb halten – dafür aber mit Dreitagewoche. Es wird spannend zu sehen, welches Modell am Ende als Vorbild für andere Branchen dienen kann. Klar ist: Die Tarifpartner müssen mehr Instrumente für den aufkeimenden Fachkräftemangel entwickeln – in beiderseitigem Interesse. Prozente sind längst nicht mehr alles.

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