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Putin, Erdogan und die Kurden-Karte

Analyse Putin, Erdogan und die Kurden-Karte

Zwischen Ankara und Moskau herrscht eine Eiszeit, seit die türkische Luftwaffe Ende November einen russischen Bomber im Grenzgebiet zu Syrien abschoss. Profitiert nun die PKK von dem schlechten Verhältnis zwischen Putin und Erdogan? Eine Analyse von Gerd Höhler.

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan reden nicht mehr miteinander, dafür umso mehr und feindseliger übereinander. Dennoch wurde jetzt ein Gast aus Ankara in Moskau freundlich empfangen: Selahattin Demirtas, Ko-Vorsitzender der pro-kurdischen Partei HDP. Demirtas hatte den Abschuss bereits im November kritisiert. Das macht ihn in Moskau aber zu einem gern gesehenen Gast, aus Sicht der türkischen Regierung allerdings zu einem Verräter. Ohnehin sieht Staatspräsident Erdogan in der Kurdenpartei eine politische Tarnorganisation der verbotenen Guerillabewegung PKK. Führt Erdogans Zerwürfnis mit Putin jetzt zu einem Schulterschluss Moskaus mit der PKK? Für Ankara wäre das ein Albtraum.

Die Türkei und Russland haben nach dem Ende des Kalten Krieges enge wirtschaftliche Beziehungen geknüpft. Russland ist der wichtigste Energielieferant der Türkei, die ihrerseits aus Sicht Moskaus als Korridor für russische Gaslieferungen nach Westeuropa eine wachsende Bedeutung bekommen könnte. Aber der Syrienkonflikt hat gemeinsame Interessen in den Hintergrund gedrängt und die jahrhundertealte Rivalität beider Länder um den Einfluss im Nahen Osten und Mittelasien wieder erwachen lassen. Der türkische Präsident Erdogan hat sich früh auf den Sturz des Assad-Regimes festgelegt, vor allem, weil der Alewit Assad nicht in sein Konzept einer „sunnitischen Achse“ passt, die er unter Führung der Türkei im Nahen Osten und Nordafrika zu schmieden versucht. Russland stützt dagegen seinen traditionellen Verbündeten in Damaskus, um seine Militärstützpunkte in Syrien zu verteidigen, darunter die einzige russische Marinebasis im Mittelmeer.

Aus diesen gegensätzlichen Interessen ergeben sich unterschiedliche Allianzen. Die Türkei versteht sich als Schutzmacht der syrischen Turkmenen, die gegen das Regime in Damaskus kämpfen - und deshalb Ziel russischer Luftangriffe werden. Das führte zum Abschuss des russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe.

Der brisanteste Faktor in diesem Geflecht widerstreitender Interessen sind die syrischen Kurden und ihre dominierende politische Bewegung, die Partei der Demokratischen Union (PYD). Ihr Ziel ist eine kurdische Selbstverwaltung im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei. In Ankara fürchtet man, dass dies neue Autonomiebestrebungen der türkischen Kurden wecken könnte - zumal die PYD ein direkter Ableger der verbotenen PKK ist. Zusätzlich kompliziert wird die Gemengelage dadurch, dass die bewaffneten Kämpfer der PYD sich in Syrien erfolgreich dem IS entgegenstellen. In der türkischen Hauptstadt horchte man daher auf, als der russische Außenminister Lawrow jetzt anlässlich des Besuchs des Kurdenpolitikers Demirtas in Moskau erklären ließ, man sei sich bewusst, wie erfolgreich die irakischen und die syrischen Kurden gegen den IS vorgingen; Russland werde aktiv mit jenen zusammenarbeiten, die gegen den IS und andere extremistische Bedrohungen kämpfen. Würde Russland die PKK tatsächlich militärisch unterstützen, bekäme der gerade wieder aufflammende Kurdenkonflikt für das Nato-Land Türkei eine ganz neue Dimension.

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