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Putins neue Fakten

Analyse Putins neue Fakten

Russland engagiert sich verstärkt in dem Bürgerkriegsgebiet Syrien und sieht in Machthaber Baschar al-Assad weiterhin einen wichtigen Baustein seiner Außenpolitik. Die neuesten Berichte über Truppenentsendungen zeigen, dass Putin Fakten schaffen will. Eine Analyse von Stefan Koch.

Wladimir Putin löst in Washington wieder einmal Nervosität aus. Sollten die Berichte amerikanischer Geheimdienste stimmen, baut Moskau nahe der syrischen Hafenstadt Latakia einen mächtigen Truppenstützpunkt aus. Russland, so viel steht fest, engagiert sich verstärkt in dem Bürgerkriegsgebiet und sieht in Machthaber Baschar al-Assad weiterhin einen wichtigen Baustein seiner Außenpolitik.

Wie es heißt, wurden Truppentransporter, Landungsboote und Militärflugzeuge in die strategisch wichtige Region verlegt. In den sozialen Medien Russlands finden sich Hinweise von diversen Soldaten, die ihren Einsatz in Syrien andeuten. Neu ist nicht die russische Waffenhilfe, ohne die das Assad-Regime längst in die Knie gegangen wäre. Überraschend ist die verstärkte Präsenz.

Der Aufmarsch passt in die russische Gesamtstrategie für den Nahen und Mittleren Osten: Ebenso wie der Westen sieht auch der Kreml im Erstarken des „Islamischen Staates“ eine enorme Gefahr. In Moskau ist bekannt, dass sich unter den fanatischen Kämpfern mit der schwarzen Flagge auch zahlreiche Männer mit russischem Pass befinden. Die Sorge vor der Rückkehr dieser selbst ernannten „Gotteskrieger“ ist groß.

Putins Außenpolitik in der Krisenregion sollte aber keineswegs als defensiv missverstanden werden. Der Reisemarathon iranischer und ägyptischer Diplomaten und Regierungsmitglieder in die russische Hauptstadt in diesem Sommer zeigt an, wie eng gerade auch die Beziehungen zu Teheran und Kairo sind. Dabei geht es weniger um wertegestützte Partnerschaften als vielmehr um Allianzen nationaler Interessen.

Sowohl der Iran als auch Russland leiden unter den Sanktionen des Westens, und beide Regime schwören auf die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. Ägypten wiederum ist ein bedeutender Abnehmer russischer Waffen und ist am Bau russischer Atommeiler interessiert. Allem Anschein nach will sich Kairo wieder in der gleichen Pendelpolitik zwischen Moskau und Washington üben, wie es der damalige Staatschef Gamal Abdel Nasser während des Kalten Krieges praktizierte.

Einmal mehr zeigt sich: In der Krise des Nahen Ostens prallen nicht nur die unterschiedlichsten Religionen und Kulturen aufeinander, sondern auch gegensätzliche außenpolitische Strategien der großen Blöcke. Putin verhält sich in dieser undurchsichtigen Gemengelage wie ein geschickter Spieler: Um Fakten zu schaffen, nutzt der Kremlherr den Augenblick, in dem Europa unter der Flüchtlingskrise ächzt und sich die US-Regierung der Zurückhaltung verschrieben hat. Die Hoffnungen, dass sich Assad aus seiner Herrschaft zurückzieht und den Weg für ein neues Syrien freiräumt, zerschlagen sich. Für die Menschen, die in diesen Tagen und Wochen in Deutschland Zuflucht suchen, ist das keine gute Nachricht.

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