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Analyse zu "Newtopia" Schöne neue
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Wenn, wie zuletzt bei „Newtopia“, die sogenannten Bruttowerbeumsätze um 50 Prozent einknicken, ist auch jede Niveaudebatte zu Ende. Und das Schlimmste daran ist: Das Publikum ist selbst schuld. Jetzt geht es weiter mit dem Dschungelcamp. Eine Analyse von Nina May.

Es war ein hochtrabender Titel, der Sender hatte es nicht kleiner. „Newtopia“ nannte Sat.1 seinen Versuch, im Reality-TV-Format nichts Geringeres zu erproben als eine neue Gesellschaftsordnung. Ein Jahr lang sollten 15 Menschen abgeschnitten vom Rest der Welt zurück zu den Wurzeln finden, sich im Einklang mit der Natur selbst versorgen, sich auf die Grundzüge ihres Menschseins besinnen. 105 Kameras und 57 Mikrofone waren rund um die Uhr auf sie gerichtet. Die Landkommune richtete sich ein auf einem abgeschirmten Gelände in den Wäldern Brandenburgs bei Königs Wusterhausen.

Doch nun lief, in der vergangenen Woche, schon die letzte Folge – noch vor der geplanten Halbzeit: Die Einschaltquoten waren einfach zu schwach. Das stolze Projekt endete mit der traurigen Versteigerung von Requisiten, etwa der Bierflasche von „Vaddi“, der einer der ersten Bewohner war. Der Erlös ging an einen Kinderhilfsverein.

Utopie: Das klingt schick, experimentell, zukunftsgewandt. Doch der von Thomas Morus im 16. Jahrhundert geprägte Begriff wurde hier von Anfang an missbraucht, für eine Mogelpackung. Den Fernsehproduzenten genügt es, ein Biotop zu schaffen für Intrigen, sündige Eskapaden („Der erste Oralsex im Camp!“) und Lästerei („Die Raucher verbrauchen unser ganzes Geld!“).

Was Deutschlands Privatsender zeigen, sind leider immer wieder Dystopien (griechisch für: schlechte Orte). Am Freitag dieser Woche werden 27 Kandidaten nach dem Motto „Ich bin ein Star – Lasst mich wieder rein“ das erste Sommer-Dschungelcamp bei RTL beziehen. Am 14. August startet die dritte Staffel von „Promi Big Brother“ bei Sat.1. Das Big-Brother-Original für Normalos zeigt ab Herbst der Sender Sixx. Das Futuristische erschöpft sich im Technischen; wie in George Orwells Roman „1984“ ist stets ein Hightech-Kameraauge dabei. Die hergebrachten stereotypen Rollenrituale indessen (Zicke kontra Gemeinschaft, Gezank um Essensrationen) wirken ziemlich retro.

Fehlt uns allen die Fantasie? Statt einer schönen neuen Welt ist im Fernsehen eine hässliche alte Welt zu sehen. Und das Schlimmste daran ist: Das Publikum ist selbst schuld. Seine Vorlieben und Abneigungen wurden längst akribisch vermessen und, in Echtzeit, massenhaft elektronisch ausgewertet.

Wenn, wie zuletzt bei „Newtopia“, die sogenannten Bruttowerbeumsätze um 50 Prozent einknicken, ist auch jede Niveaudebatte zu Ende. Auf dem abgeschiedenen Bauernhof in Brandenburg hatte der eine oder andere Teilnehmer gelegentlich noch etwas Philosophisches gesagt – vorbei. Jetzt geht es weiter mit dem Dschungelcamp. Mit der voyeuristischen Lust des Publikums an schlichtem Streit und Zwietracht lässt sich im Zweifel mehr Aufmerksamkeit generieren und eine höhere Quote. Das schöne neue Fernsehen bleibt Utopie.

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