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Der Wert der Kindheit

Analyse Der Wert der Kindheit

Fast jedes fünfte Kind von 6 bis 16 Jahren leidet einer neuen Studie zufolge körperlich und seelisch unter Stress und zeigt ernste Erschöpfungssymptome. Kinder brauchen keinen vollen Terminkalender, sie brauchen Freizeit - und entspannte Eltern. Ein Leitartikel von Dirk Schmaler

Oft gereizt, Probleme mit dem Einschlafen, unzufrieden mit dem eigenen Leben: Was nach dem seelischen Befinden eines Managers nach 30 Jahren Berufsstress klingt, beschreibt in Wahrheit den Zustand vieler Kinder und Jugendlicher in Deutschland.

Fast jedes fünfte Kind von 6 bis 16 Jahren leidet einer neuen Studie zufolge körperlich und seelisch unter Stress und zeigt ernste Erschöpfungssymptome. Der Burn-out ist im Kinderzimmer angekommen.

Nun gab es bestimmt schon anstrengendere und härtere Zeiten für Kinder - zumal der Gedanke der Kindheit als eigener Lebensabschnitt historisch gesehen noch gar nicht so lange gesellschaftlicher Konsens ist. Auch ist man heute mit Burn-out-Diagnosen auffällig schnell bei der Hand, sodass Vergleiche zu früheren Generationen schwerfallen.

Wegwischen sollte man den alarmierenden Befund dennoch nicht - zumal ähnliche Studien ihn bestätigen. Neben der Schule sind es oft die Eltern selbst, die sich unter derart starkem Erfolgsdruck fühlen, dass sie ihn an ihre Kinder weitergeben. Die Kleinen sollen heute mit der Einschulung lesen und schreiben können, sie sollen musikalisch sein und sportlich, und am Besten auch noch eine Fremdsprache von kleinauf lernen.

Doch Kindheit ist mehr als nur die Vorbereitung aufs Erwachsensein. Es ist ein Wert an sich. Kinder haben eigene Bedürfnisse, sie wollen Spiele spielen, die keinen pädagogischen Nutzen haben. Sie wollen Zeit vertrödeln, ohne zum nächsten Termin zu müssen. Und sie wollen Eltern haben, die ihnen eine eigene Entwicklung zutrauen - und nicht ständig überlegen, mit welchem Training sie ihre Liebsten als Nächstes fit für die Zukunft machen können.

Vielen Eltern ist das klar. Und dennoch fällt es ihnen schwer, nicht trotzdem in den Leistungswettlauf einzusteigen. Oft bemerken sie die Überforderung nicht. Weil es ihren Kindern einmal besser ergehen soll als ihnen selbst - und weil sie ihre eigene berufliche Konkurrenzsituation auf den Nachwuchs projizieren. Haben nicht auch die Eltern versagt, wenn sie ihren Kindern nicht alle Möglichkeiten eröffnen?

Die Studie gibt eine Antwort: Kinder brauchen keinen vollen Terminkalender, sie brauchen Freizeit - und entspannte Eltern, die darauf vertrauen, dass es gerade die so sinnlos dahinplätschernden Kindheitstage sind, die am Besten auf das ernste Leben vorbereiten. Wer Zeichen der Überforderung ignoriert, riskiert nicht nur einen Leistungsabfall der Kleinen. Er riskiert ihre Gesundheit.

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