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Meinung Sommerpause im Fernsehen: Kalter Kaffee
Nachrichten Meinung Sommerpause im Fernsehen: Kalter Kaffee
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00:15 13.06.2013
Von Imre Grimm
Der letzte frische „Tatort“ läuft am 14. Juli. Danach gibt’s wochenlang Dosenfutter. Quelle: dpa

Sie wären irritiert, und zwar zu Recht. Denn möge es auch heiß sein draußen, möge sich der Bundestag für acht Wochen ins süße Nichtstun verabschieden – das Leben geht weiter, sogar im Sommer. Kinder werden geboren, Häuser gebaut, Wahlkämpfe geführt. Nur das Fernsehen lässt die Jalousien herunter: Wiederholungen auf allen Kanälen. ARD und ZDF erwecken Jahr für Jahr den Anschein, als gäbe es von Juni bis September  keinen Bedarf mehr an intelligenter Unterhaltung.

Gestern Abend verabschiedete sich Günther Jauch mit seinem RTL-Quiz bis Anfang September in die Ferien. Am Freitag stahl sich Oliver Welke mit der ZDF-„heute-show“ davon – für stolze 91 Tage. Und auch die ARD-Talker gönnen sich demnächst üppige Auszeiten. Frank Plasberg (42 Tage), Jauch (49), Anne Will (56), Reinhold Beckmann (70) und Sandra Maischberger (77) überlassen die Republik sich selbst.

Sommer – die große Stunde des TV-Archivars. Rund 30 Prozent des ARD-Programms besteht dann aus Wiederholungen. Warum eigentlich? „Weil im Sommer 25 Prozent weniger ferngesehen wird“, rechtfertigt sich die ARD. Unklar bleibt, warum ein Viertel weniger Zuschauer zu 80 Prozent weniger interessantem Programm führen. Dass die Privaten ihre Hits in die Sommerpause schicken, ist plausibel: Die Werbeeinnahmen brechen ein, die Konsumlust sinkt. Warum ARD und ZDF – mit 7,6 Milliarden Euro im Jahr krisenfest und quotenunabhängig abgesichert – es ihnen gleichtun, ist unverständlich.

Der letzte frische „Tatort“ läuft am 14. Juli. Danach gibt’s wochenlang Dosenfutter. Das Interesse sei „auch bei der Zweitausstrahlung groß“, meldet das Erste – setzt also auf das löchrige Kurzzeitgedächtnis seiner Zuschauer („Wer war noch mal der Mörder?“). Aber „Zweitausstrahlung“? Was für eine Untertreibung. Allein der Charlotte-Lindholm-„Tatort: Lastrumer Mischung“ lief seit der Premiere 17-mal. Wer da den Mörder noch nicht kennt, der hat gepennt. Im ZDF sieht’s kaum besser aus: Dort stehen noch mehr verweinte Zahnarztgattinnen an Bergseen herum als sonst schon. Sommerzeit – Schmonzettenzeit.

Warum stopft man das Loch lieber mit alten Socken, als etwas Neues zu schneidern? Warum tut man so, als sei das tradierte Programmschema ein in Beton gegossenes Monument der Weisheit und jeder Eingriff stürze das TV-Volk in eine tiefe Sinnkrise? Der Sommer im Fernsehen – das könnte eine Oase für TV-Wagnisse sein, ein Festival des jungen Fernsehens. Stattdessen gibt’s alte Folgen von „In aller Freundschaft“.

Es wäre natürlich wohlfeil, jetzt wieder reflexhaft einen Berliner Hinterbänkler die Aussetzung der Gebührenpflicht im Sommer fordern zu lassen. Die Monatsgebühren richten sich nach einer langfristigen Gesamtkalkulation, nicht nach dem Programm von heute Abend. Aber: Was man als Zuschauer verlangen darf, ist ein kreativer Umgang mit den Milliarden.

Wenn die Stars schon monatelang pausieren, wenn die Stammredaktionen schon ein Viertel des Jahres durchschnaufen müssen – warum rutscht dann nicht Pierre M. Krause für ein paar Wochen von EinsPlus ins Erste? Warum versendet das ZDF die großartige Serie „Downton Abbey“ am Nachmittag? Warum gibt’s sonnabends spät im Ersten nur noch James Bond? Und wann hat das aufgehört, dass um 20.15 Uhr auch mal ein US-Spielfilm zu sehen war? Mit anderen Worten: Wann wird’s mal wieder richtig Fernsehen?
Stattdessen: Rückzug. Aufgabe. Das ZDF hat gestern beschlossen, die Sommerausgabe von „Wetten, dass...?“ 2014 auszusetzen. Zu kümmerlich die Quoten, zu kläglich der Lanz. Ein neuer Tiefpunkt, in jeder Hinsicht. Statt aber geistreiche und spritzige Ideen zur Rettung des wurmstichigen Showdampfers zu entwickeln, schließt der Sender den Laden lieber ab und wirft den Schlüssel ins Mittelmeer – angeblich der Fußball-WM wegen. Es ist die Kapitulation vor dem eigenen Unvermögen. Und es bedeutet auch: Der Lanz kann’s nicht. Aber es wird sich stattdessen sicher eine alte Folge von „Notruf Hafenkante“ finden lassen. Nein, nichts gegen Eiscafé im Sommer. Aber kalter Kaffee ist einfach nicht dasselbe.

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