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Meinung Stefan Schostok – der Mann in den Wolken
Nachrichten Meinung Stefan Schostok – der Mann in den Wolken
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00:15 19.12.2017
Ein Oberbürgermeister der zwei Gesichter? Stefan Schostok im Rat. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

 Tee, Nüsse, Mango-Chili: Täglich lässt Hannovers Oberbürgermeister die interessierte Mitwelt derzeit mithilfe der elektronischen Netzwerke am Inhalt seines heimischen Adventskalenders teilhaben. Ein Live-Blick in die Lindener Wohnung sozusagen. Das ist die eine Seite von Stefan Schostok: der offenherzige, lustige, stets zugewandte Politiker, dem nichts Menschliches fremd ist. Ganz gleich, ob Bürgerversammlung, Karneval oder die „Schokoladenhauptstadt Hannover“ – er ist als Oberhaupt der Stadt für fast jedes Thema zu haben und geht erfrischend offen mit den Hannoveranern um und auf sie zu. 

Im Rathaus ist indes immer öfter auch von einem anderen Stefan Schostok die Rede. Von einem misstrauischen Mann, der nur noch selten freimütig diskutiert – obwohl das doch seinem Verständnis von Führung zugrunde liegt. Von einem Stadtoberhaupt, das nichts ohne seinen Hausjuristen entscheidet. Wenn überhaupt. Von einem, der Initiativen aus der Stadt eifersüchtig bekämpft, wenn sie eigenen Ideen zu nahe kommen. Es gibt Mitglieder seines Dezernatskollegiums, die sagen, dass er mit ihnen über wichtige Fragen gar nicht mehr spreche. Das ist jener Stefan Schostok, der sich mit dem Missmanagement der Affäre um seinen Personal- und Kulturdezernenten Harald Härke in die Ecke manövriert hat. Und deshalb nun wie jüngst im Rat sogar verbal um sich schlägt. Im Kampf um Deutung und Bedeutung. 

Hat Hannover also einen Oberbürgermeister der zwei Gesichter? Oder ist es eher so, dass in dem freundlichen Stadt-Repräsentanten einfach kein gleichermaßen kompetenter Stadt-Manager steckt? Die Anzeichen dafür verdichten sich. Wobei nicht alles falsch läuft am Trammplatz. Bildungsinvestitionen, Fortschritte bei der Flüchtlingsintegration oder auch der Verbleib der Conti-Zentrale in der Stadt sind Erfolge, auf die sich auch Schostok zur Halbzeit seiner Wahlperiode berufen kann. Zu einem erweiterten Sicherheitskonzept hat er sich am Ende zumindest breitschlagen lassen. Dass hier viel Druck nötig war, macht jedoch schon deutlich, wie sehr sich der OB gern in den Wolken verliert. Wenn er sich etwa am abstrakten „Nachhaltigkeitspreis“ berauscht, statt in den aktuell fetten Jahren in der Stadt konkret anzupacken. Soziale Brennpunkte hat Schostok lange verharmlost, den Dialog um Gestaltung großer Plätze und die Straßensanierung seinen Baudezernenten vermasseln lassen, auf Kritik der Wirtschaft am Tempo seiner Verwaltung reagiert er immer dünnhäutiger. 

Und dann ist da eben die Geschichte mit dem allseits umtriebigen Rathaus-Veteranen Harald Härke. Ihn hat Schostok ohne Not zum Personaldezernenten gemacht, ihm noch die Kultur hinzugegeben, für die er sich doch selbst am meisten begeistert. Und hat dann entdeckt, dass er ihm zu mächtig und vor allem zu populär wird. Am Ende steht neben Härke mit seinen Machenschaften auch der OB blamiert da – ein Kunststück eigener Art. Hier zeigen sich erschreckende Schwächen in der Menschenkenntnis, der Führung und der politischen Weisheit. Weit über den eigentlichen Fall hinaus.

Es hatte schon vor der Wahl im Jahr 2013 Fragen zu Schostoks Eignung für das höchste Amt der Stadt gegeben, auch aus der SPD selbst. Jener Partei, aus deren Umfeld der diplomierte Sozialpädagoge beruflich kaum hinausgekommen war. Er selbst hat entsprechende Vorhaltungen souverän und mit dem milden Spott des Wissenden aufgenommen. Er kenne den Spruch ja, sagte Schostok früher gern: „Sozialpädagogen können sowieso nichts.“ Man werde schon sehen. Mancher im Rathaus wie in der Stadt ist inzwischen geneigt, diesen selbstironischen Satz zumindest doch als Diskussionsgrundlage zu interpretieren. Sogar in Schostoks Partei wird das Augenrollen über die Amtsführung des Oberbürgermeisters nicht mehr verborgen. Es brauchte schon fast rohe politische Gewalt, um die Reihen in diesen Tagen des Härke-Streits noch einmal hinter ihm zu schließen. 

Schostok müsse sich im Grunde in seiner zweiten Halbzeit „neu erfinden“, sagen prominente Sozialdemokraten. Aber geht so etwas überhaupt? Und wenn ja, steht wirklich im Vordergrund, ob sich die hannoverschen Sozialdemokraten Schostok weiter leisten wollen – oder nicht vielmehr, ob sich die Landeshauptstadt ihn als Verwaltungschef weiter leisten kann?

In der SPD wird das noch nicht offen diskutiert, so ist die Partei nicht gestrickt. Der Oberbürgermeister ist überdies direkt gewählt – und den netten Herrn Schostok gibt es nach außen ja weiterhin. Manche Genossen setzen ganz ungeniert darauf, dass das bei der nächsten Wahl schon irgendwie reichen werde. Andere warnen: Mit ihm könne man angesichts der unsicheren politischen Gesamtlage auch ein historisches Debakel erleben. Wer sich da täuscht, ist noch nicht abzusehen. Das wird dauern. Hat Hannover die Zeit?

Von Hendrik Brandt

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