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Warum hat Hannover Angst vor Veränderung?

Steintor-Bebauung Warum hat Hannover Angst vor Veränderung?

Ob die Aegi-Hochstraße abgerissen wird oder eine Expo kommt: In Hannover ist die Angst vor Neuem oft groß. Jetzt richten sich die Sorgen auf die Plätze in der Stadt - wegen zweier Neubauten am Steintor. Mal langsam, meint Conrad von Meding.

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Die Kritik an den Plänen reißt nicht ab. Jetzt will eine Onlinepetition die Bebauung des Steintorplatzes verhindern.

Hannover. Der Rat hat beschlossen, auf dem Steintorplatz zwei Häuser zu bauen. Großformatige Neubauten in Dreiecksform. Die Folge: ein Aufschrei. Warum?

Es ist ein stets ähnliches Spiel in Hannover: Wo Veränderungen drohen, da wächst die Angst. Das war so, als die Hochstraße am Aegi abgerissen wurde (ist der Verkehr dort kollabiert?) und als die Expo kam (zeigt Hannover seitdem sein kaltes Gesicht?). Als die ersten Mobilfunkmasten installiert wurden (sind wir seitdem alle verstrahlt?) und als der Cityring pro Richtung von drei auf zwei Spuren verengt werden sollte. Hat jemand eigentlich gemerkt, dass die Stadt das vor einigen Monaten klammheimlich an der Einmündung Kestnerstraße gemacht hat? In Hannover, verheißen Veränderungen nie Gutes. Sie drohen.

Und was für schweres Geschütz da stets aufgefahren wird. „Hannover baut alle Plätze mit Häusern zu“, heißt neuerdings der Vorwurf der Opposition. Alle Plätze? Achtung, jetzt kommt eine Aufzählung der zentralen 25 Plätze im Stadtbezirk Mitte:

Ernst-August-Platz, Kröpcke, Raschplatz und Opernplatz, Steintor und Platz der Weltausstellung, Goetheplatz, Klagesmarkt und Neuer Nikolaifriedhof, Goseriede, Trammplatz, Marstall, Hanns-Lilje-Platz und Am Markte (an der Marktkirche), Köbelinger Markt, Holzmarkt, Ballhof, Platz der Göttinger Sieben, Theodor-Lessing-Platz (am Kubus) und Andreaeplatz, dazu Andreas-Hermes-Platz, Weißekreuz- und Emmichplatz, vielleicht noch Thielenplatz (wird bald aufgewertet) und der alte Nikolaifriedhof Brühlstraße. Das sind 25 öffentliche Plätze, die alle im Gefüge der Innenstadt ihre Funktion haben. Auf dem einen finden Demos statt, auf dem nächsten lockere Treffen, manche sind von Freiluftgastronomie gesäumt, auf anderen lockt sonnabends Livemusik. Der verkehrsumtoste Aegi und das ruhige, grüne Leineufer der Altstadt sind bei der Auflistung übrigens noch gar nicht mitgezählt.

Auf vier dieser 25 Plätze sollen laut Ratsbeschluss jetzt Gebäude errichtet werden. Am Klagesmarkt und Marstall wird knapp die Hälfte der Flächen mit Wohn- und Geschäftshäusern bebaut – dort fanden sich bisher Parkplätze. Am Köbelinger Markt entstehen neue Wohn- und Geschäftshäuser als Ersatz für das abrissreife Bürgeramt. Und am Steintor – ja: Dort soll tatsächlich eine als Platz genutzte Fläche mit Neubauten vollgestellt werden. Der Gänselieselbrunnen wird dafür wieder an seinen alten Standort an der Goseriede versetzt, ein beliebtes Eiscafé soll weichen, um das es wirklich schade ist. Aber sonst? Findet irgendwer die Weite dieses Platzes im Alltag wirklich schön?

„Die Stadt ist unräumig“, hat Stadtbaurat Uwe Bodemann bei seinem ersten Rundgang zum Amtsantritt vor gut acht Jahren im seltsamen Architektenjargon gesagt. Aber es stimmt: Beim Wiederaufbau nach dem Krieg sind riesige Verkehrsschneisen angelegt worden (die wir Autofahrer heute im Berufsverkehr lobpreisen), es sind großformatige Plätze angelegt worden, die historisch kein Vorbild haben. Auch das Steintor war einst eng bebaut. Historisch spricht nichts dagegen, auch dort wieder Häuser zu errichten. „Nachverdichtung“ nennen das die Fachleute: Statt immer neuen Wohnraum an den Rändern der wachsenden Stadt zu schaffen, wird im Inneren gebaut, wo Lücken sind.

Wichtig ist, dass wir die Stadträume, die Plätze bleiben, liebevoll gestalten und pflegen. Dass sie Orte sind, an denen man sich gerne aufhält. Das war das Steintor schon lange nicht mehr.

Seien wir ehrlich: Wer heute etwa am Kröpcke flaniert, möge sich prüfen, ob er einst zu den Skeptikern der Erneuerung dieses zentralen Platzes gehörte – und was er heute davon hält. Für viele war es undenkbar, das große Kröpcke-Loch mit Blick in die Passerelle zu schließen oder die Spitze des Kröpcke-Centers weit in den Platz vorzuziehen. Hannover verschandele seine Innenstadt und vernichte seine Plätze, hieß es damals. Heute will sich daran kaum noch jemand erinnern. Mit dem Steintor wird es in wenigen Jahren genauso sein.

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