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Streit der Eliten

Jörg Kallmeyer über die Schulreform Streit der Eliten

Schluss mit der Auswahl schon nach Klasse vier – alle Kinder gehen gemeinsam sechs Jahre lang in die Grundschule. Schluss mit der Überforderung durch zu ehrgeizige Eltern – die Lehrer entscheiden, welche weiterführende Schulform die Kinder besuchen.

Schluss mit dem Sitzenbleiben und dem „Runterreichen“ an andere Schulformen, wenn die Leistungen nicht auf Anhieb stimmen – jede Schule muss die Kinder, die sie bekommt, auch zum Abschluss bringen. Sieht so die Schule der Zukunft aus?

Die Mehrheit der Fachleute sagt Ja. Seit die Ergebnisse der Pisa-Tests wissenschaftlich so richtig gesackt sind, gilt das längere gemeinsame Lernen als zentrales Lösungskonzept für die Schulmisere in Deutschland. Für den Praxistest einer Schule der Zukunft muss man jedoch politische Umwege in Kauf nehmen. In der derzeit noch ungewöhnlichen Konstellation von Schwarz und Grün in Hamburg und künftig auch im Saarland soll es gemeinschaftliche Schulformen geben, die anderswo von der Union erbittert bekämpft werden. Für die SPD, die Bildungsreformen traditionell für sich beansprucht, ist das eine bittere Erfahrung: Um eine gerechtere Schule kümmern sich nun andere.

Kampf ums Gymnasium

Der Schmerz der Sozialdemokraten wird jetzt gemildert. Denn die schwarz-grüne Musterkoalition in Hamburg droht ausgerechnet bei der umfangreichsten Schulreform in der Hansestadt seit Kriegsende Schiffbruch zu erleiden. Der Protest gegen die sechsjährige Grundschule und die Abschaffung des freien Elternwillens ist zu einer Sturmflut angewachsen – aus dem Stand haben Eltern und Lehrer mehr als 180 000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt; die Schulreform droht bei einem Volksentscheid im nächsten Jahr unterzugehen. Schwarz-Grün muss sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, ein Projekt der politischen Eliten zu sein – selbst die Basis der Regierungsparteien kommt nicht mehr mit.

Das Hamburger Desaster taugt daher zum Lehrstück: Veränderungen in der Schulstruktur sind schwieriger als Reformen in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Für Schulreformen braucht es viel Überzeugungsarbeit – und eine breite Basis bei Eltern und Lehrern.

Vor allem aber darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Reformbemühungen am Ende das Gymnasium berühren könnten. Gegen das Gymnasium lässt sich in Deutschland keine Politik machen.

Und so hat auch die Hamburger Schul-Volksbewegung etwas Elitäres: Sie kommt aus den „bildungsnahen“ Schichten, und sie ist getragen von der Befürchtung, dass man die Kinder nicht mehr aus eigenen Stücken aufs Gymnasium schicken darf. Dass das Gymnasium die Jahrgänge fünf und sechs verlieren soll, will vielen nicht in den Sinn, deren Kinder auf alle Fälle das Abitur machen sollen. Und so wird auch der vermeintlich so moderne Schulstreit in Hamburg geprägt von den ideologischen Vorgaben der vergangenen Jahrzehnte.

Die neue Haupt-Schule

Dabei wäre es an der Zeit, einmal unaufgeregt über das Gymnasium zu reden. Die Leitinstitution des deutschen Bildungswesens ist als einzige Schulform weiterhin uneingeschränkt akzeptiert. Sie schneidet bei den internationalen Vergleichen gut ab – und doch hat das Gymnasium Schwierigkeiten, mit der Wirklichkeit Schritt zu halten. Schulpolitiker reden vom Gymnasium gern so, als habe es die letzten 50 Jahre nicht gegeben. Damals strebten sechs Prozent eines Jahrgangs das Abitur an, heute sind es in den großen Städten gut 50 Prozent. Die Rahmenbedingungen für die Schulform aber haben sich kaum geändert. Es bleibt am Ende jeder einzelnen Schule überlassen, welchem Grundgedanken sie folgt: Geht es darum, Schüler schnell wieder loszuwerden – oder ist es nicht vielmehr ein Erfolg der Schule, am Ende alle Kinder zum Abitur zu führen?

Niemand kam auf die Idee, die Lehrpläne zu entrümpeln, als die Schulzeit bis zum Abitur verkürzt wurde – ohnehin keine gute Voraussetzung für eine Schulform, die auf dem Weg ist, zur neuen Haupt-Schule zu werden. Jenseits aller Strukturdebatten muss daher gründlich über die Inhalte des Gymnasiums geredet werden – und jede Strukturdebatte muss darauf achten, dass das Gymnasium Freiheit für die Weiterentwicklung behält.

Mit einiger Skepsis betrachten die Gymnasien das gerade in Niedersachsen gestartete Volksbegehren für eine „gute Schule“. Hier soll die in Hamburg bekämpfte längere gemeinsame Schulzeit – verkehrte Welt – von unten eingeführt werden. Erfolgsaussichten: ungewiss.

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