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Tod oder Tötung?

Sonja Fröhlich zum Fall Bach Tod oder Tötung?

Eine ehrliche, kompetente und vertrauenswürdige Ärztin habe sie sein wollen, sagte Mechthild Bach zum Prozessauftakt im Oktober 2009 vor dem Landgericht Hannover. Eine Begleiterin „in jeder Lebenssituation“, die Mut macht, aber auch über unveränderbare Wahrheiten spricht.

Jeder habe das Recht, den Abschnitt des Sterbens in Würde und angstfrei zu erleben, sagte die Angeklagte.

Nun soll Mechthild Bach eine Mörderin sein. Bisher wurde der früheren Belegärztin der Paracelsusklinik in Langenhagen vorgeworfen, 13 schwer kranke Patienten durch Überdosen an Morphium und Valium getötet zu haben – ohne Mörderin zu sein. So lautete die Anklage. In seiner „Halbzeit-Bilanz“ ging das Gericht jetzt aber darüber hinaus: Es machte deutlich, dass es in allen sechs bisher verhandelten Fällen „erhebliche Anhaltspunkte für vorsätzliche Tötung“ sieht – in zwei Fällen zieht es eine Verurteilung wegen Mordes mit Heimtücke in Betracht. Heimtücke, weil sie ihre Patienten, die klar bei Verstand waren, nicht über ihr Vorgehen aufgeklärt hatte.

Ohne Aufklärung des Patienten ...

Das hannoversche Landgericht sorgt jetzt bundesweit für Aufsehen: Nie zuvor sind die Grenzen zwischen Schmerzmedizin und aktiver Sterbehilfe strafrechtlich so gründlich ausgelotet worden. Ärzte und Patientenschützer erhoffen sich nach dem Verfahren in Hannover mehr Klarheit für ihre Arbeit.

Die deutsche Gesetzgebung macht feine Unterschiede beim Thema Sterbehilfe. So ist die direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, strafbar – auch dann, wenn sie auf Verlangen vorgenommen wird. Nicht strafbar ist hingegen eine indirekte aktive Sterbehilfe, bei der Sterbenden starke Schmerzmittel verabreicht werden, die sich lebensverkürzend auswirken können. Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das „Zulassen des natürlichen Sterbens“. Dabei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Aber das Strafgesetzbuch lässt viele Lücken und Unklarheiten. Woran merken Mediziner, dass ein Sterbevorgang bei einem Patienten begonnen hat? Wann können sie die Geräte abschalten? Wie lange sollen künstliche Ernährung und Sauerstoff zugeführt werden? Welche Dosen an Opiaten sind schmerzlindernd, welche verkürzen das Leben des Patienten?

Umfragen zeigen, dass die Verunsicherung unter Medizinern und Betreuern groß ist: Sie sehen sich in der rechtlichen Grauzone – immer mit einem Bein im Gefängnis. So schrecken viele Ärzte vor dem Abbruch von Behandlungen zurück, weil sie irrtümlicherweise meinen, dies sei ein „aktiver“ Eingriff in den Sterbeprozess. Unsicher sind sie auch bei der Gabe von Schmerzmitteln; für die Dosierung von Morphium und Valium gibt es keine verbindlichen Vorgaben, nur Empfehlungen. Das neue Signal des Gerichts im Fall Bach dürfte ihre Ängste noch verstärken.

Die Sterbebegleitung ist originäre Aufgabe der Hausärzte, aber viele überlassen ihre todkranken Patienten lieber den Palliativstationen und Hospizen, wo sie die nötige Pflege und Betreuung erhalten. Dass es aber auch unter den gut ausgebildeten Schmerzmedizinern stark differierende Ansichten gibt, zeigt der Bach-Prozess: Zwei renommierte Gutachter stehen sich im Prozess immer wieder konträr gegenüber.

... gibt es kein Sterben in Würde

Hängen Leben und Tod eines Patienten am Ende von persönlichen Überzeugungen des behandelnden Arztes ab? Der Patientenwille, da sind sich alle einig, ist maßgeblich. Erst im vergangenen Juni hat der Bundesgerichtshof das Recht auf selbstbestimmtes Sterben gestärkt. Danach muss der Patientenwille auf jeden Fall Beachtung finden, auch wenn dies die Unterbrechung lebenserhaltender Maßnahmen bedeutet.

Im Fall Bach aber liegen die Dinge anders. Ihr wird vorgeworfen, die Patienten durch die Verabreichung der starken Schmerzmittel vorsätzlich und gezielt getötet zu haben. Angehörige und ehemalige Mitarbeiter der Klinik sagten im Prozess, Bach habe Diagnosen verheimlicht. Einige der Betroffenen hätten nicht gewusst, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Das gleicht einer Infantilisierung der Patienten: Man tritt auf sie zu und tut, was für sie vermeintlich das Beste ist. Diese Patienten hatten nie Gelegenheit, sich von ihren Lebenspartnern, ihren Kindern, ihren Freunden zu verabschieden. Sie konnten nicht selbst bestimmen, was sie in diesen letzten Tagen und Stunden noch tun wollten. Mechthild Bach sagt, sie wollte ihre Patienten in Würde sterben lassen. Doch ohne Aufklärung gibt es kein Sterben in Würde.

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