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Türken in Deutschland haben kein schlechtes Leben

Unterm Strich Türken in Deutschland haben kein schlechtes Leben

Wie geht es den in Deutschland lebenden Türken? Diskriminierung, Ausgrenzung, Opferrolle – ja, das gibt es. Doch die Türken führen in Hannover kein schlechtes Leben. Manche wissen es nur nicht, meint Canan Topçu.

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Im Herzen der Stadt angekommen: In Hannover lebende Türken – hier bei der Übertragung eines Fußball-EM-Spiels am Steintor.

Quelle: Archiv/Symbolbild

Neulich, als ich meinen Vater besuchte, erzählte er mir, auch er habe am Referendum teilgenommen. Der türkischstämmige Pfleger aus seiner Altenwohnanlage habe ihm gesagt, dass jedes „Nein“ gebraucht werde. Also ließ sich mein Vater, weit über 80 Jahre alt und nicht mehr gut auf den Beinen, vom Pfleger zum Wahllokal fahren.

Über die Szenerie vor Ort war mein Vater erstaunt: All die verhüllten Frauen mit langen Mänteln, all die bärtigen Männer, all die Menschen, die so ausgesehen hätten, als wären sie gerade aus ihrem anatolischen Dorf hierhergekommen. „Wenn es denn so wäre, wäre es ja nicht so schlimm“, meint mein Vater. Warum so viele seiner Landsleute, die wie er 40 und mehr Jahre in diesem Land leben, immer noch nicht hier ankommen wollen, versteht er nicht. Auch nicht, dass sich all die als Muslime bezeichnenden Deutschtürken für einen „Halunken“ wie Erdogan begeistern können.

Über die Gründe der Anziehungskraft von Erdogan und das Abstimmungsverhalten der „Ja-Sager“ spekulieren derzeit etliche Migrationsforscher, Soziologen, Politologen und andere Experten. Warum doch so viele für die Verfassungsänderung in der Türkei gestimmt haben? Liegt es wirklich daran, dass die Integration der Deutschtürken gescheitert ist? Weil sie ausgegrenzt werden und ihnen in Deutschland die Anerkennung versagt wurde? Ist es ein Trotzverhalten?

Von außen betrachtet sind die Motive und Ursachen schwer nachzuvollziehen. Aber auch für jemanden wie mich, die Teil dieser Gemeinschaft ist und der Diskriminierungserfahrungen keineswegs fremd sind, ist es schwer verständlich. Mir sind doch auch Steine in den Weg gelegt worden, nichts wurde mir geschenkt, ich bin auch in die Hauptschule geschickt worden. Ich frage mich oft, warum ich mich nicht mit dem Opfer-Status zufriedengegeben habe. Immer wenn ich mit meinem Vater zusammensitze, weiß ich es. Das Selbstwertgefühl ist mir in meinem Elternhaus geschenkt worden. Meine Eltern haben mich dazu erzogen, mein Leben in die Hand zu nehmen und nicht die Schuld bei anderen zu suchen.

Mein Vater und ich sind uns nicht immer einig, in diesem Fall aber sehr: Trotz bestehender Diskriminierungen und Ausgrenzungen ist es kein schlechtes Leben, das wir als türkische Einwanderer in diesem Land führen können. Das machen sich die meisten nur nicht klar.

Die Deutschtürken sind längst Teil dieses Landes und als solcher sichtbar - in Hannover etwa rund um das Steintor. Sie haben sich im Herzen dieser Stadt eine Infrastruktur geschaffen, die dazu beiträgt, sich heimisch und wohl zu fühlen. All die Lebensmittel, die früher mühselig in Koffern hierhertransportiert werden mussten, gibt es hier zu kaufen. Auf den Geschmack der „Heimat“ muss schon lange nicht mehr verzichtet werden. Was noch fehlt, ist der realistische Blick auf ihr Leben hier und die Verhältnisse in der Türkei. Denn Diskriminierung gibt es auch dort.

Canan Topçu

Unsere Gastautorin ist freie Journalistin. 1965 in der Türkei geboren, kam sie acht Jahre später nach Deutschland. 1985 bestand sie ihr Abitur am GBG in Seelze, das Deutsch- und Geschichtsstudium in Hannover schloss sich an.

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