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VW lernt zu langsam

Analyse VW lernt zu langsam

Nach dem Abgasskandal ist VW zum Neuanfang gezwungen - beim Handeln und beim Denken. Doch genau bei diesem Neuanfang ist VW noch zu langsam. Eine Analyse von Stefan Winter.

Es ist doch noch nicht vorbei. Volkswagen wird seinen Dieselskandal einfach nicht los. Dass Amerika irgendwie anders ist, weiß man bei VW spätestens, seit die Kundschaft dort den Wolfsburgern ihre Autos nicht mehr abkauft. Sehr tief scheint die Erkenntnis aber nicht gedrungen zu sein, denn sogar Konzernchef Matthias Müller lernt immernoch: Die Reue über die Dieselaffäre kaufen ihm die Amerikaner nicht ab. Mit ein paar phänomenal verunglückten Sätzen vor der Detroit Motor Show hat er nun auch noch Zweifel an jedem weiteren Wort gesät. Nein, VW habe nicht gelogen, man rede bei der Manipulation der Abgaswerte von einem technischen und keinem ethischen Problem, von der „nicht richtigen Interpretation amerikanischen Rechts“ sprach er. Bei VW wolle man die Tragweite der Fehler wohl nicht wahrhaben, befand etwa das Magazin „Fortune“ daraufhin.

Dienstag wird Müller seinen Ausrutscher dem Präsidium des VW-Aufsichtsrats erklären müssen. Er kann auf Stress verweisen, auf mittelmäßige Englischkenntnisse und eine Interviewsituation, die seine Berater in dieser heiklen Lage nie hätten zulassen dürfen. Das alles sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Fortune“ nicht ganz falsch liegt: Es gibt im VW-Innenleben mehrere Wahrheiten zum Dieselskandal. Für die USA geht man in Sack und Asche, für Europa demonstriert man pragmatisches Krisenmanagement, bremst jeden Manager ein, der etwas Härteres sagen könnte. Und in der Kantine verflucht man ein paar Kollegen - mehr waren es ja offiziell nicht -, die vor Jahren mit einem blöden kleinen Fehler die Leistung aller anderen kaputt gemacht haben. Müller war wohl gerade im falschen Modus unterwegs.

Das ist kein Wunder, denn auch in der Kantinensicht steckt Wahrheit. Aber sie ignoriert den Zwang zum Neuanfang nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken. Speziell das US-Publikum möchte ihn demonstriert bekommen. Es erwartet große Gesten der Reue. Dass das einem deutschen Informatiker wie Müller unangemessen scheint, ist sympathisch - hilft aber nichts.

So aber hat der VW-Chef viel im Gepäck. Nicht nur das Interview ist eine Last. Kurz vor dem Besuch verklagte die US-Regierung den Konzern, am Ende verweigerte die Umweltaufsicht eine Genehmigung der Rückrufpläne. Für die offensichtlichen Hakeleien mit den Behörden hat VW zum Teil gute Gründe. Umso dringender hätte man sie atmosphärisch entspannen müssen. Aber an Karriere im diplomatischen Dienst hat Müller nie gedacht. Er kam in unruhiger Zeit als der Mann für die VW-Seele an die Spitze, als rennsportbegeisterter Produktstratege. Die Wirren um die „Abgas-Thematik“, wie das im Konzern heißt, sollten Spezialisten lösen. Abgesehen davon, dass VW mit denen auch nicht in jeder Position Glück hat: Der Skandal ist für Publikum, Behörden, Politiker und Mitarbeiter nun mal Chefsache.

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