Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regenschauer

Navigation:
Verlust der Mitte

Daniel Alexander Schacht zum Bildungsgipfel Verlust der Mitte

„Geld für Bildung statt für Banken“, „Nein zu Studiengebühren“ oder einfach „Suche reiche Eltern“ – mit solchen Slogans brachten gestern Schüler und Studenten in Berlin, Hannover und Dutzenden anderen Städten ihren Ärger über die Bildungspolitik zum Ausdruck. Die Kanzlerin gönnte sich zeitgleich Bildungsbegegnungen der freundlicheren Art: Sie besuchte eine der „besten deutschen Schulen“.

Unter den 15 von der Bosch-Stiftung für diesen Titel nominierten Lehranstalten sind vier Gymnasien, vier Privatschulen, aber nur zwei Realschulen – und genau eine Hauptschule. So wenig preiswürdig sind also jene Schulen, die immer noch die meisten Deutschen durchlaufen. So wenige Ausnahmen taugen demnach umgekehrt als positive Vorbilder. Und so randständig ist damit Angela Merkels Einstimmung auf den heutigen „Bildungsgipfel“.

Aber hat die Bundesregierung nicht gerade ihre „Hausaufgaben“ beim Thema Bildung erledigt, indem sie den Etat von Ministerin Annette Schavan in der Sparrunde unangetastet gelassen hat? Tatsächlich fließt das Geld des Bundes nur, wenn die klammen Länder mitziehen. Experten kritisieren überdies, dass auch dann noch zu wenig und dass teils an der falschen Stelle investiert wird. Während am oberen Ende des Bildungsspektrums Forscher ihr Glück oft lieber im Ausland suchen, geben am anderen Ende zu viele schon vorm Hauptschulabschluss auf. Und dazwischen dünnt die Gruppe des gut ausgebildeten Fachkräftenachwuchses aus – es droht ein Verlust der Mitte.

Die „Bildungsrepublik“ leidet...

Das spürt, lange vor der Politik, die Wirtschaft. „Wir können nicht auf sie verzichten“, sagt Handwerkspräsident Otto Kentzler zum Werben ostdeutscher Firmen um Lehrlinge in Polen. Während Unternehmer solche Realitäten sehen, trösten sich Politiker noch mit Doppelabiturjahrgängen, aus denen die Wirtschaft sich doch, bitte schön, bedienen möge. Und die Finanzminister loten in Erwartung sinkender Schülerzahlen schon Sparpotenziale im Bildungssektor aus.

Dabei verkennen solche Sparpläne die neuen deutschen Realitäten: Kinder, die jetzt in die Schule kommen, können mit Rezepten von gestern nicht auf den Arbeitsmarkt von morgen vorbereitet werden. Vielerorts liegt der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund oberhalb der 30-Prozent-Marke, in manchem Großstadtquartier sogar über 50 Prozent. Damit auch daraus Leistungsträger werden, sind in vielen Fällen Integrationsaufgaben zu schultern, die nur mit zusätzlichen Sozialarbeitern an Schulen und kleineren Lerngruppen zu lösen sind.

Solche Forderungen hat jetzt der Bildungsforscher Klaus Klemm erhoben. Doch für die Minister ist der Kampf gegen hohe Schulabbrecherquoten und für die Mobilisierung „bildungsferner Schichten“ nur ein Thema unter vielen. Im Zentrum stehen die Bafög-Erhöhung, ein Stipendienprogramm und das Bund-Länder-Versprechen, bis 2015 die Bildungsaufgaben auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern – drei für eine Verwirklichung allzu teure Ziele. Aber die Leistungsstipendien sind ohnehin umstritten, weil ihre hälftige Finanzierung durch die Wirtschaft ungesichert ist und ihre Gewährung unabhängig vom Elterneinkommen bloße Mitnahmeeffekte auslösen kann. Von der im „heißen Herbst“ 2009 zugesagten Bafög-Erhöhung können die Minister eigentlich nicht abrücken, sie droht aber später mit einer „Streckung“ der Ausgaben verrechnet zu werden. Im Klartext: Bund und Länder brechen das Zehn-Prozent-Versprechen.

...an der Kleinstaaterei

Dabei gibt es Alternativen: Statt in den forschungsorientierten „Exzellenzwettbewerb“ könnte man mehr Geld in die Lehre stecken, um den nötigen Nachwuchs heranzubilden. Das würde zwar Protest der Forschungsverbände hervorrufen, hat aber auch etwas für sich: Nur drei Prozent eines Jahrgangs werden für den Spitzenforschungsnachwuchs benötigt – doch massenhaft braucht Deutschland akademisch gebildete Fachkräfte. Der Mittelstand mag sich einstweilen mit Lehrlingen aus Polen behelfen, aber eigentlich ist Nachwuchs nötig, der mit dem Computer ebenso selbstverständlich hantiert wie mit dem Schraubenschlüssel.

Dass die nötige Umsteuerung auf sich warten lassen wird, liegt auch an der föderal zerklüfteten Bildungslandschaft. Das wissen gerade Merkel und Schavan, die als Oppositionspolitikerinnen gegen Rot-Grün die Bildungshoheit der Länder zementiert haben. Entstanden ist damit ausgerechnet beim Zukunftsthema Bildung eine Kleinstaaterei, die eher ins 19. als ins 21. Jahrhundert passt. Nicht zuletzt darin liegt ein Verlust der Mitte.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung
Anzeige