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23:02 16.01.2011

Um die Probleme mit den unschönen Hinterlassenschaften bewältigen zu können, hilft nur Routine: Verdachtsflächen werden verzeichnet, die Kommunen entwickeln Pläne für die Sanierung belasteter oder verseuchter Flächen und gesetzlich ist festgelegt, wer für die Kosten aufkommen muss: der Verursacher (wenn er noch greifbar ist) oder der aktuelle Grundstückseigentümer. Im Normalfall, so kann man sagen, ist alles geregelt.

Die Behörden von Stadt und Region in Hannover tun gerne so, als handele es sich bei den Altlasten am De-Haën-Platz in der List um solch einen Normalfall. Das ist er aber nie gewesen. Man muss sich nur an den Sommer 2008 erinnern, als die Region Hannover Experten in Strahlenschutzanzügen und mit Geigerzählern in die List schickte, um den Grad radioaktiver Verseuchung eruieren zu lassen. Den Anwohnern fuhr der Schreck in die Glieder. Unter ihren Häusern schlummern giftige Substanzen, bis in die Räume der Häuser dringt das radioaktive Gas Radon. Auch wenn Experten stets versichert haben, dass keine akuten Gesundheitsgefahren bestünden, so gab es angesichts einer zutiefst verunsicherten Bevölkerung doch dringenden Handlungsbedarf.

Die Behörden sind hilflos

Zweieinhalb Jahre später muss man feststellen: Stadt und Region Hannover sind der Herausforderung nicht gerecht geworden. Noch immer haben die Sanierungsarbeiten nicht begonnen, noch immer haben die Bürger in der List keine Sicherheit. Statt der besonderen Brisanz des Falls mit unbürokratischen Maßnahmen zu begegnen, haben sich die Behörden darauf zurückgezogen, dass alles seinen Gang gehen muss. Vor allem, was das Finanzielle betrifft. Das Unternehmen Riedel-de Haën existierte nicht mehr, und es galt als unwahrscheinlich, die in Seelze ansässige Nachfolgefirma Honeywell in Regress nehmen zu können. Daher gehörte es von Anfang an zur Strategie der Region Hannover, den Wohnungs- und Hausbesitzern der verseuchten Areale klarzumachen, dass sie die beträchtlichen Sanierungskosten tragen müssen. Erst nach massivem öffentlichen Druck zeigten sich Stadt und Region bereit, knapp ein Viertel der Gesamtsumme zu übernehmen.

Vielen Betroffenen in der List ist das zu wenig. Sie fragen sich, warum sie für die Beseitigung einer Altlast zahlen sollen, für die sie nichts können. Die Behörden verweisen auf die Rechtslage, die Anwohner in der List wiederum machen geltend, Stadt und Region hätten viel eher vor den hohen Risiken in dem Stadtteil warnen müssen.

Fakt ist: Man hätte tatsächlich schon früher als 2008 darauf hätte kommen können, die Böden in der List gründlich zu untersuchen. Sichtet man allein das historische Material zur Firmengeschichte des Chemieunternehmens Riedel-de Haën, so stellt sich Frage, warum für ein derart problematisches Gelände überhaupt Genehmigungen für eine Wohnbebauung erteilt werden konnten. Dies allerdings geschah in den zwanziger und den fünfziger Jahren, in denen das Umweltbewusstsein nicht ausgeprägt war. Im Jahr 2003 aber hat die Stadt eine „historische Recherche“ in Auftrag gegeben, die im Ergebnis eindeutige Hinweise auf höchst problematisches „Kontaminationspotential“ ergab. Warum ausgerechnet in einem von den Grünen geführten Umweltdezernat da nicht die Alarmglocken klingelten, ist schwer zu verstehen.

Die Anwohner sind ratlos

Die Umweltbehörde der Stadt Hannover hat an dieser Stelle versagt. Deren Dezernent Hans Mönninghoff macht heute geltend, dass man die Unterlagen der zuständigen Region Hannover übergeben habe. Die Region wiederum argumentiert, die Untersuchung habe ja keinerlei Hinweise enthalten, dass tatsächlich etwas im Boden ist. Das stimmt. Die Studie hat aber die Möglichkeit einer schwer wiegenden Belastung des Bodens inmitten eines Wohngebiets deutlich vor Augen geführt. Dass darauf nicht unmittelbar reagiert wurde, lässt nur zwei Erklärungen zu: Entweder haben die zuständigen Stellen geschlafen oder sie wollten keinen Staub aufwirbeln, schon gar keinen radioaktiven. Man kann verstehen, dass die betroffenen Anwohner in der List, vor allem jene, die nach dem Jahr 2003 ihre Wohnungen erworben haben, vor Ärger in den Tisch beißen möchten. „Alle reden sich raus“, beklagen die Bürger. Und das ist der Eindruck, der bleibt.

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